Friedl Dicker
1898–1944

Künstlerisches Multitalent

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Wo eine Kraft sich auf sich besinnt, und versucht durch sich zu bestehen ohne Angst vor Lächerlichkeit, da springt auch eine neue Quelle des Schöpferischen auf und dieses Ziel hat auch der Versuch eines Zeichenunterrichts.

Friedl Dicker

Friedl Dicker stach nicht nur mit ihrer künstlerischen Begabung am frühen Bauhaus hervor, sondern zählte mit ihren Innen­raum­gestal­tungen zu den wenigen Frauen, die sich in den 1920er-Jahren in einer weit­ge­hend von Männern dominierten Welt durchsetzen konnten. Ihr politisches Enga­ge­ment zwang sie, 1934 aus Wien nach Prag zu emigrieren. Als Kunst­erzieherin entdeckte sie neue berufliche Perspektiven. 1942 wurde sie nach Terezín (Theresienstadt) deportiert. Durch ihren Zeichen- und Malunterricht gelang es ihr dort, zahl­reichen Kindern zumin­dest Momente eines Entfliehens aus dem grauen­vollen Alltag im Konzen­trations­lager zu ermöglichen. 1944 wurde Friedl Dicker in Auschwitz ermordet.

Ihre Werke überdauerten ihr Schicksal und befinden sich heute unter anderem in der Sammlung des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung. Ihr Wirken als Kunst­er­zieherin bildet einen der Grund­pfeiler der von ihrer Schülerin Edith Kramer entwickelten Kunsttherapie.

Von Wien ans Bauhaus

Schon früh an Kunst inter­essiert, absolviert die 1898 geborene Friedl Dicker ab 1912 eine zweijährige Lehre als Fotografin und Reproduktions­techni­kerin in ihrer Heimatstadt Wien. Ab 1915 besucht sie die Textilklasse der dortigen Kunst­gewerbe­schule. Bereits nach einem Jahr wechselt sie an die private Kunstschule von Johannes Itten, dem sie gemein­sam mit 16 seiner Studenten und Studentinnen 1919 an das eben gegründete Bauhaus folgt. Unter ihnen ist auch Franz Singer, mit dem sie nicht nur eine Liebes­beziehung, sondern auch eine enge künstlerische Zusammenarbeit verbindet.

Friedl Dicker, um 1916
Friedl Dicker, um 1916 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Der Bauhaus-Gründer Walter Gropius hatte Itten in Wien durch seine Ehefrau Alma Mahler kennen­gelernt und ist von dessen Unter­richts­methodik derart begei­stert, dass er ihn im Früh­sommer des Jahres ans Bauhaus nach Weimar beruft. Ziel der neuartigen Ausbildung dort ist es, zukünftige Architekten im Hand­werk und in den Künsten gleicher­maßen zu schulen und damit einen neuen Künstlertypus hervorzu­brin­gen. Bevor die Studierenden zum Unterricht in den nach Materialien eingeteilten Werkstätten zugelassen werden, müssen sie den Vorkurs von Itten durchlaufen. Durch unter­schied­liche Form-, Farb- und Materialstudien sowie weitere, auf die Bildung des ganzen Menschen zielende Übungen sollen sie eine feste Grundlage für ihren späteren Werdegang erhalten.

Vorkurs bei Itten

Obwohl Friedl Dicker in Wien bereits drei Jahre Ittens Schule besucht hatte, nimmt auch sie an seinem Vorkurs teil. Auf ihren dort ent­stan­den­en Blättern finden sich Kontrast­stu­dien und Untersuchungen der Grund­ele­mente ebenso wie eine Landschaft, in der Dicker den einzelnen Formen nach­spürt, oder die mit wenigen Kohle­strichen angefertigte Zeich­nung eines Tigers, die auf das rasche Erfassen der wesentlichen Züge des majestä­ti­schen Raubtiers zielt – allesamt Aufga­ben, die Dicker mit Bravour meistert.

Einige dieser Vorkurs-Übungen gehen über die tastenden Versuche der anderen Studierenden weit hinaus. Aus übermalten farbigen Papieren und Glanzfolien ent­steht eine Komposition, die noch entfernt an Figuratives erinnert; eine andere Collage aus weißen Papieren und schwarzem Fotokarton, mit Zeichen­kohle und Kreide über­ar­bei­tet, zeigt eine vollständige Abstraktion und möglicher­weise den Einfluss kon­struk­tivistischer Strömungen, wie sie durch Theo van Doesburgs Aufent­halt in Weimar 1921/22 auslöst werden.

Vielseitige Begabung

Werkstätten im Bauhaus

Wie nahezu alle Frauen am Bauhaus setzt Friedl Dicker nach dem Vor­kurs ihre Ausbildung in der Textil­werkstatt fort. Gleichzeitig nutzt sie aber auch die Möglichkeiten, die ihr die anderen Werkstätten am Bau­haus bieten; sie arbeitet in der Druc­kerei und der Bildhauer-Werkstatt,  beteiligt sich an Archi­tek­tur-Projek­ten, trägt Grafiken zu Veröffent­lichun­gen bei und Kostüm­entwürfe zu Theater­insze­nierungen, betätigt sich auch in der Bühnen-Werkstatt und lernt die Technik des Buch­bin­dens im privaten Atelier von Otto Dorfner.

In der Druckerei entstehen einige Lithografien mit äu­ßerst fan­tasie­vol­len, fast surreal anmutenden Gestal­ten. Von ihrer Arbeit in der Bühnen-Werkstatt zeugt eine Fotografie mit vier Marionetten.

Plastik

In der Bildhauer-Werkstatt gelingt ihr das imposante, ganz aus metallenen Kugeln und Röhren zusammen­ge­setzte Relief der Anna Selbstdritt, das heute nur in einer Fotografie bekannt ist und laut Überlieferung die stattliche Größe von 2,40 Meter hatte. Das Thema muss ihr viel bedeutet haben, taucht es doch zugleich in einer – vielleicht zur Vorbe­rei­tung genutzten und Franz Singer gewid­meten – Zeichnung sowie erneut 1933 im Entwurf des Gästehaus Hériot auf.

Architektur

Für die Planung der Bauhaus-Siedlungsgenossenschaft 1922 legt sie gemeinsam mit Franz Singer einen Entwurf für ein Einfami­lien­haus vor. Auffällig am Grundriss ist die gleichberechtigte Aufteilung des Wohnraums zwi­schen Mann und Frau – zu dieser Zeit keinesfalls eine Selbst­ver­ständ­lichkeit.

Friedl Dicker, Franz Singer, Entwurf für ein Wohnhaus, Zeichnung, 1922
Friedl Dicker, Franz Singer, Entwurf für ein Wohnhaus, Zeichnung, 1922 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Grafik

Seine wahrscheinlich begab­tes­te Schülerin zieht Itten zur Unter­stüt­zung in der Lehre des Vorkurses heran. Auch bei der Gestaltung seines Texts »Analysen Alter Meister«, in dem er unter anderem der Bedeutung von Form und Bewegung nachspürt, arbeitet er eng mit Friedl Dicker zusammen. Veröffentlicht wird dieser Beitrag in Bruno Adlers »Utopia«,  die zu den wichtigsten Schriften im Umkreis des Bauhauses zählt.

Friedl Dicker, S. 33 aus „Utopia. Dokumente der Wirklichkeit
Friedl Dicker, S. 33 aus „Utopia. Dokumente der Wirklichkeit", Utopia-Verlag, Weimar 1921, Buchdruck / © Bauhaus-Archiv Berlin

Kostüm

Auch Entwürfe für Kostüme und Bühnenbilder für Thea­ter­insze­nie­rungen in Berlin und Dresden gehören zwischen 1920 und 1923 zu den Aufträgen der Stu­den­tin, die sie meist gemeinsam mit Singer ausführt.

Ein Zeugnis von Walter Gropius, um das Dicker 1931 als Empfehlung für eine pädagogische Lehrtätigkeit bittet, unterstreicht dies vielseitige Talent:

»Fräulein Friedl Dicker war in der Zeit vom Juni 1919 bis September 1923 Studierende des Staatlichen Bauhauses in Weimar. Sie hat sich während dieser Zeit durch ihre seltene und außerordentliche künstlerische Begabung dauernd hervorgetan und das besondere Augenmerk der ganzen Lehrerschaft auf ihre Arbeiten gerichtet. Die Vielseitigkeit ihrer Begabung und ihre große Energie hatten zur Folge, dass ihre Leistungen und Arbeiten zu den allerbesten des Instituts gehörten und dass sie schon während ihrer Studienzeit zur Tätigkeit als Lehrerin mit herangezogen werden konnte. Als ehemaliger Leiter und Begründer des Staatlichen Bauhauses in Weimar verfolge ich mit großem Interesse die künstlerische Tätigkeit des Fräulein Dicker.«

Walter Gropius, Zeugnis für Friedl Dicker, 1931
Walter Gropius, Zeugnis für Friedl Dicker, 1931 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Kein Wunder also, dass Dicker auch öffentlichkeitswirksame Aufgaben für das Bauhaus übertragen bekommt, wie die Gestaltung der Einladungskarten für einige der Bauhaus-Abende, bei denen Persönlichkeiten aus Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaften den Lehrenden und Studierenden Einblicke in ihr Werk geben.

Zu einem dieser Abende wird die Sängerin Emmy Heim eingeladen. Schon drei Monate nach ihrem Auftritt heiraten sie und Franz Singer, ein Einschnitt, der das Leben Friedl Dickers jäh verändert. Noch lange kämpft sie mit dem Ende dieser Liebesbeziehung zu ihrem Kommilitonen.

Die Werkstätten Bildender Kunst in Berlin-Friedenau

Beruflich jedoch bleibt die Gemeinschaft mit Singer bestehen: Im September 1923 verlassen beide das Bauhaus und gründen die Werkstätten Bildender Kunst in Berlin-Friedenau. Hier vertreiben sie ihre Webarbeiten, Teppiche, Stoffe, Spitzen, Bucheinbände und Schmuckstücke, darunter auch Werke anderer ehemaliger Bauhäusler, etwa von Naum Slutzky, Anny Wottitz und Margit Adler-Téry.

Friedl Dicker, Plakatentwurf für die Werkstätten Bildender Kunst, 1923
Friedl Dicker, Plakatentwurf für die Werkstätten Bildender Kunst, 1923 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Leider sind die meisten für die Berliner Werkstätten entstandenen Werke verschollen. Ein Portfolio mit Fotografien liefert ein Zeugnis von der hohen schöpferischen Qualität der Arbeiten. Bei der Deutschen Spitzenmesse in Berlin 1924 werden die Werkstätten mit einem Ehrendiplom ausgezeichnet.

Ateliergemeinschaft Singer – Dicker in Wien

Dennoch zieht es Friedl Dicker schon 1924 zurück in ihre Heimatstadt, wo sie ein Atelier für Textilien eröffnet. 1925 löst Franz Singer die Berliner Werkstätten auf, kehrt ebenfalls nach Wien zurück und Singer und Dicker arbeiten erneut zusammen in einem Atelier. Die fruchtbarste Zeit des Duos beginnt. In den folgenden sechs Jahren entwerfen sie einige Bauten, wie etwa das Tennisklubhaus für Hans Heller.

Friedl Dicker, Franz Singer, Tennisklubhaus, 1928
Friedl Dicker, Franz Singer, Tennisklubhaus, 1928 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Insbesondere ihre Innengestaltungen für Geschäfte, Wohnungen und Häuser in Österreich, Deutschland, Ungarn und der Tschechoslowakei werden international wahrgenommen, in zahlreichen Magazinen vorgestellt und in Ausstellungen gezeigt. Zeitweise beschäftigt das Atelier ein Dutzend Mitarbeiter. Daher ist es auch häufig schwierig, genau zu differenzieren, wer welchen Anteil am Werk hat. Im Allgemeinen übernimmt Singer Architektur- und Möbelentwurf, während Dicker sich vor allem um die Farbgestaltung und die textile Ausstattung kümmert. So zählt Hans Hildebrandt Dicker in seinem 1928 veröffentlichten Buch »Die Frau als Künstlerin« zwar zu den »vielseitigsten und originellsten Frauenbegabungen der Zeit«, sieht allerdings das weibliche Potenzial nur in einem Teilbereich der Kunst, im »Spielerischen«, in das er Bühnenbild und Textilkunst und damit auch Dicker einordnet.

Lily Hildebrandt (Fotografie), Hans Hildebrandt und Friedl Dicker, um 1928
Lily Hildebrandt (Fotografie), Hans Hildebrandt und Friedl Dicker, um 1928 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Bei sämtlichen Entwürfen des Ateliers spielen Platzersparnis, Wandelbarkeit der Räume und eine möglichst bewegliche Möblierung eine große Rolle. Ein dezidiertes Farbsystem dient dazu, die unterschiedlichen Raumeinheiten voneinander abzugrenzen. Dieses Konzept erweist sich insbesondere für Einraumwohnungen, wie sie in den 1920er-Jahren ein wichtiges Thema für das Neue Bauen darstellen, als besonders sinnvoll. Auf engstem Raum kann so eine möglichst komfortable Wohnsituation geschaffen werden.

Einraumwohnung Hans Heller

Eindrucksvoll zeigt der Entwurf für Hans Heller die durchdachte Einrichtung des Wohn- und Schlafbereichs mit Diwanbett, Sessel und Satztisch auf der einen Raumseite und dem Arbeitsbereich mit Schreibtisch, Fauteuils und Telefontisch auf der anderen.

Wohnung Téry-Buschmann

Aber auch in Häusern und großzügigen Wohnungen, vor allem für Intellektuelle und Künstler, verwirklichen Dicker und Singer ihr Konzept wandelbarer Räume. Das Speisezimmer der Berliner Wohnung ihrer ehemaligen Bauhaus-Mitschülerin Margit Téry-Buschmann wird so vom intimen Raum mit Essplatz für zwei Personen zu einem gastlichen Ensemble für die Bewirtung zahlreicher Gäste, indem stapelbare Stühle und Tischplatten in seitlichen Schränken verstaut werden. In der Axionometrie des Wohn- und Speisezimmers lässt sich die Farbgestaltung und die dadurch akzentuierte Wegeführung besonders gut ablesen.

Friedl Dicker, Franz Singer, Axonometrie des Speise- und Wohnzimmers der Wohnung Téry-Buschmann, Berlin, 1930
Friedl Dicker, Franz Singer, Axonometrie des Speise- und Wohnzimmers der Wohnung Téry-Buschmann, Berlin, 1930 / © Bauhaus-Archiv Berlin
Friedl Dicker, Franz Singer, Faltkarte mit verschiedenen Ansichten und einem Grundriss des Speise- und Wohnzimmers der Wohnung Téry-Buschmann, Berlin, 1930
Friedl Dicker, Franz Singer, Faltkarte mit verschiedenen Ansichten und einem Grundriss des Speise- und Wohnzimmers der Wohnung Téry-Buschmann, Berlin, 1930 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Kindergarten im Goethehof

Besonderes Aufsehen erregt ihre Innenraumgestaltung des Montessori-Kindergartens im Goethehof 1930, für die sie auch das gesamte Mobiliar entwerfen. Ihr Konzept, die Räume mit geschickter Möblierung und farblicher Kennzeichnung der einzelnen Bereiche ihren Funktionen entsprechend zu gestalten, findet in den Bedürfnissen der Montessori-Pädagogik eine äußerst gelungene Entsprechung. So lässt sich etwa die Garderobe in der Mittagszeit in einen Schlafsaal verwandeln; in den Beschäftigungsräumen sind einzelne Bereiche für die unterschiedlichen Tätigkeiten ausgewiesen: ein Stufenkasten für die Materialien, eine Koch- und Serviernische zur Erprobung der Haushaltsabläufe, eine Ecke, um zu gärtnern, sowie eine eigene Waschnische.

In der
Tschechoslowakei

Trotz des großen Erfolgs löst sich Dicker 1931 aus der Gemeinschaft mit Singer. Sie eröffnet ihr eigenes Atelier und widmet sich vermehrt dem Mal- und Zeichen­unterricht. Zudem fertigt sie in diesen Jahren zahlreiche politische Fotocollagen an, mit denen sie sich gegen den aufkommenden Faschismus wendet. Als Mitglied der Kommunistischen Partei beteiligt sie sich 1934 an einer Demonstration gegen den rechts­radikalen Starhemberg-Putsch, bei der sie verhaftet und inhaftiert wird. Von Singer freigekauft, flüchtet sie nach Prag. Hier verkehrt sie weiter in Widerstandskreisen, setzt sich mit Psychoanalyse auseinander, arbeitet als Innenausstatterin und Zeichenlehrerin und malt wieder vermehrt, darunter auch »Kinder im Tiergarten«.

Friedl Dicker, Kinder im Tiergarten, Öl auf Leinwand, 1935/36
Friedl Dicker, Kinder im Tiergarten, Öl auf Leinwand, 1935/36 / © Bauhaus-Archiv Berlin

1936 heiratet sie ihren Cousin Pavel Brandeis. Gemeinsam ziehen sie 1938 nach Hronov in Nordböhmen, wo Brandeis eine Stelle findet. Aus dieser Zeit stammt ein Entwurf für die Einrichtung ihrer dortigen Wohnung in einem ungeteilten Kontorlager, in der sie auf minimalem Grundriss – eindrücklich durch die grafisch hervorgehobenen Zahlen verdeutlicht – durch Stellung der Möbel eine Einteilung in die Bereiche »Schlafen«, »Arbeiten« und »Kochen« organisiert. 

Friedl Dicker, Entwurf für eine Wohnung, um 1938
Friedl Dicker, Entwurf für eine Wohnung, um 1938 / © Bauhaus-Archiv Berlin

Ein Angebot im Jahr 1938, nach Palästina auszureisen, schlägt Dicker aus, da ihr Mann kein Visum erhält. Wahrscheinlich durch das Engagement Singers, der schon 1934 nach England emigrierte, werden 14 ihrer Gemälde 1940 in der Arcade Gallery in London gezeigt, womöglich um den Boden für eine Ausreise nach England zu ebnen, die jedoch nicht gelingt. Dicker und ihr Ehemann sind als Juden immer stärkeren Repressalien ausgesetzt und leben in äußerst prekären Verhältnissen weiter in Hronov.

In Theresien­stadt

Im Dezember 1942 erhalten sie den Befehl, in das KZ Terezín (Theresienstadt) umzusiedeln, wo Dicker zur Zwangsarbeit in der Technischen Abteilung verpflichtet wird. Als Betreuerin in einem der Mädchenheime eingesetzt, unterrichtet sie fortan Kinder in Malen und Zeichnen. In einer Vorahnung hatte sie den Großteil ihres Gepäcks nach Terezín mit diversen Malutensilien gefüllt. Ihr Unterricht orientiert sich an Ittens Bauhaus-Vorkurs: So lässt sie etwa dessen Übungen zur zeichnerischen Analyse Alter Meister, zum Malen nach Diktat und Rhythmus sowie verschiedene Collagetechniken einfließen. In »Kinderzeichnen«, einem Vortrag, den sie vermutlich innerhalb eines Seminars für Erzieher und Erzieherinnen hielt und dessen Manuskript 1971 wieder­entdeckt wurde, betont Dicker ihre Überzeugung, Kunst zur Stärkung der Beobach­tungs­gabe und damit der Urteilskraft zu nutzen. Zugleich könnten Zeichnungen als unmittelbarer Ausdruck der individuellen Persönlichkeit verstanden und damit eingesetzt werden, um daraus Hilfestellungen zur Unterstützung der Kindesentwicklung abzuleiten.

Im Oktober 1944 erhält Pavel Brandeis einen Deportationsbescheid nach Auschwitz. Friedl Dicker meldet sich darauf freiwillig für einen der nächsten Transporte. Am 6. Oktober 1944 kommt sie in Auschwitz an und wird dort, so die Vermutung, sofort ermordet.

Über 4.000 Kinderzeichnungen aus ihrem Unterricht überdauern den Zweiten Weltkrieg versteckt in einem Koffer auf dem Dachboden des Mädchenheims. Heute befinden sie sich im Jüdischen Museum in Prag. Von den 15.000 Kindern in Terezín überlebten 1.500.

Wegbereiterin der Kunst­therapie

Das Wirken Friedl Dickers lebt auch in der Kunsttherapie fort. Eine ihrer Pionierinnen, Edith Kramer, die von 1931 bis 1938 bei Dicker Unterricht genommen hatte, beruft sich in ihren grundlegenden Schriften explizit auf diese Unterrichtserfahrungen. Dabei bildet die Überzeugung, durch künstlerisches Tun einen Schlüssel zum eigenen Erleben und Gefühl zu erhalten und dadurch besser vor Widernissen des Lebens gewappnet zu sein, einen der Grundpfeiler. Auch in der Resilienzforschung geht man den Ansätzen Dickers nach.

Im Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung

Rund 1.000 Werke – Zeichnungen, Gemälde, Collagen, Architekturpläne, insbesondere aber Fotografien der Arbeiten aus der Ateliergemeinschaft mit Franz Singer – gelangten in den vergangenen Jahrzehnten aus verschiedenen Nachlässen ihrer Wegbegleiter am Bauhaus und aus dem Besitz Franz Singers in unsere Sammlung.

Das 1960 gegründete Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung hat sich der Bewahrung des materiellen und immateriellen Erbes des Bauhauses, einer der bedeutendsten Schulen für Architektur, Design und Kunst im 20. Jahrhundert, verschrieben. Es erforscht, präsentiert und vermittelt die Geschichte und Wirkung der Avantgarde-Schule und besitzt die weltweit größte Sammlung zu diesem Thema. Um diese umfassender präsentieren zu können, erhält das Bauhaus-Archiv derzeit einen Neubau.

Im Laufe der Jahre waren Dickers Werke immer wieder zu sehen – so etwa in einer großen Ausstellung 2001, die auf den grundlegenden Forschungen von Elena Makarova beruhte.

Der Atelierbestand Dicker/Singer konnte im vergangenen Jahr erschlossen werden und die Provenienz eines Großteils des Bestandes geklärt werden.

Im künftigen Neubau des Museums wird Dickers Werk in der neuen Sammlungspräsentation gezeigt werden.

Tanja Lemke, Plakat zur Ausstellung
Tanja Lemke, Plakat zur Ausstellung "Friedl Dicker-Brandeis – Ein Leben für Kunst und Lehre“ vom 18. Juli bis zum 15. Oktober 2001 im Bauhaus-Archiv Berlin / © Bauhaus-Archiv Berlin
Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, 2015, Walter Gropius, Alex Cvijanovic und Hans Bandel
Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, 2015, Walter Gropius, Alex Cvijanovic und Hans Bandel / © Werner Huthmacher

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« von
Bauhaus-Archiv e.V.  / Museum für Gestaltung, Berlin
www.bauhaus.de

Autorin: Dr. Astrid Bähr, Wissenschaftliche Referentin am Bauhaus-Archiv

Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Jessica Popp, AsKI e.V.

Techn. Bearbeitung von Bild-, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Quellenangaben