Julius F. Wollf
1871–1942

Herzblut­journalist
und medi­zi­ni­scher
Auf­klärer

»

Jeglicher Dilettantismus ist ein Unheil für die Zeitung, wie für den Leser.

Julius Ferdinand Wollf

Julius Ferdinand Wollf , 1871 in Koblenz geboren, wuchs in einer strenggläubigen jüdischen Familie auf. 1903 kam er nach Dresden und lenkte 30 Jahre lang die Geschicke der Dresdner Neuesten Nachrichten, der größten Zeitung Sachsens. Er mischte sich aktiv in die Belange der Stadtgesellschaft ein, und sein Netzwerk von Freunden und Bekannten aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur liest sich wie das »Who is who?« der 1920er-Jahre. Er steigt zum Vizechef der deutschen Verlegerschaft auf und wird gemeinsam mit dem Odol-Fabrikanten Karl-August Lingner zum wichtigen Kämpfer für die Idee eines Deutschen Hygiene-Museums, das 1930 in Dresden Realität wird. Mit dem Machtantritt der National­sozialisten wurde er als Jude aus der Leitung der DNN und seinen zahlreichen öffentlichen Ämtern entfernt. Am 27. Februar 1942, dem Tag seiner geplanten Deportation, nahm sich Julius Ferdinand Wollf gemeinsam mit seiner Frau das Leben.

Journalismus ist Leiden­schaft!

»Wißt ihr denn, wie man Zeitung macht?
Jede Nummer ist eine Schlacht!
Gründlich bleiben trotz rasender Eile.
Sprachkünstler sein mit Stichel und Feile.«

Julius Ferdinand Wollf

Wollf wird 1871 in Koblenz in eine streng jüdisch gläubige Familie hineingeboren. Sein Großvater Martin Wollf ist Kantor der jüdischen Gemeinde. Als Erwachsener – wahrscheinlich um die Jahr­hundertwende, während seiner Jahre als Theater­dramaturg und Journalist in München – konvertiert Julius Ferdinand Wollf allerdings zum Christentum. Vielleicht auch, weil es auch zu dieser Zeit für eine Karriere in Deutschland noch immer erfolg­versprechen­der ist? Und doch wird er auch in Dresden immer wieder mit seiner Herkunft, mit dem jüdischen Glauben seiner Familie konfrontiert werden …

Jude oder Christ? Ein Thema, das für Lingner keine Rolle spielt. Doch, um es vorweg zu nehmen: Für die National­sozialisten schon, die Anfang 1933 endgültig an die Macht kommen. Für sie bleibt Wollf Jude. Und auch in der Kulturstadt Dresden wird kurz darauf begonnen, Juden nach und nach aus dem Bild sowie systematisch auch aus dem Gedächtnis der Stadt zu drängen. Neben den Menschen sollen vor allem ihre Biografien sterben, so der perfide Plan. Auch Wollf wird dieses Schicksal treffen.

Jüdisches Gemeindezentrum Koblenz mit Synagoge im »Bürresheimer Hof«
Jüdisches Gemeindezentrum Koblenz mit Synagoge im »Bürresheimer Hof« / © Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz / Staatliches Konservatoramt des Saarlandes / Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): »...und dies ist die Pforte des Himmels«. Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005

Von München an die Elbe

Doch zunächst zurück ins Dresden des Jahres 1905. Vor gut zwei Jahren war Julius Ferdinand Wollf aus München an die Elbe gekommen. In der bayerischen Hauptstadt war er zunächst Dramaturg am Hoftheater, wechselte 1899 in die Redaktion der Münchner Zeitung. Im August 1903 wird Wollf von Herausgeber August Huck als neuer Chef zu den Neuesten Nachrichten nach Dresden geschickt, die ebenfalls Huck gehören. Wollf – er studierte Philosophie, Geschichte, Volkswirtschaft, Kunst- und Literaturgeschichte – ist dabei ausgewiesener Wirtschafts- und Theater­experte, aber vor allem eines: Herzblut-Journalist. Er öffnet seine Zeitung zahllosen klugen Köpfen. Hier werden in den kommenden 30 Jahren die wirklich bekannten Namen der deutschsprachigen Literatur­szene schreiben. Auch namhafte Politiker kommen zu Wort, wie Wollfs Duzfreund Gustav Stresemann. Wollf macht sich mit den Jahren deutschlandweit auch einen Namen als fundiert kritischer Theater­rezensent. Er kritisiert, um das Theater voranzubringen. Und hinterlässt dabei am Dresdner Hoftheater, dem späteren Staatsschauspiel, deutliche Spuren: Er nimmt aufgrund enger Kontakte nicht nur Einfluss auf den Spielplan, sondern auch auf personelle Entscheidungen. So verschafft er 1916 seinem Vetter Dr. Karl Wollf den Posten des Chefdramaturgen.1

»Ich glaube an die Zukunft des deutschen Theaters und daß es ein Bollwerk ist gegen den öden Materialismus eines allzu geschäftig, allzu geschäftlich gewordenen Lebens.«

Wollf avanciert zunehmend von Dresden aus zum ernstzu­nehmenden Strippenzieher in der deutschen Literatur- und Kunstszene. Er steigt im Deutschen Verlegerverein zum Vizechef auf, wird mit der Politik über die Belange der Presse im Ersten Weltkrieg verhandeln und versuchen, die Verlage vor den wirtschaftlichen Problemen durch den Versailler Vertrag zu schützen. Und er wird wie erwähnt enge Freundschaften zu namhaften Literaten knüpfen, wie zu Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Der legendäre Ver­­leger Samuel Fischer – Gründer des noch heute erfolgreichen S. Fischer-Verlags – ist ebenso enger Freund, wie Felix Salten; unter anderem Autor des bekannten Buches »Bambi«. Wollfs Bekannten- und Freundeskreis liest sich längst wie das »Who is who?« der 1920er-Jahre.

Neues Königliches Schauspielhaus, Dresden, Postkarte vor 1918
Neues Königliches Schauspielhaus, Dresden, Postkarte vor 1918

Zeitung als Plattform medizinischer Aufklärung

Die Zeit um das Jahr 1900 war geprägt durch technische Erfindun­gen, mit denen große Industriezweige wuchsen und die Wirtschaft insgesamt umgewälzt wurde. Die modernen Städte wurden Metropolen, in denen die Fabriken immer mehr Arbeitskräfte benötigten. Die Menschen lebten dicht gedrängt in ärmlichsten und unhygienischen Verhältnissen, in denen Viren und Bakterien ein leichtes Spiel hatten. Krankheiten wie Tuberkulose oder Cholera waren an der Tagesordnung.

Der Erste Weltkriegs und nicht zuletzt die Jahre danach ver­schärften dieses Dilemma. Die Wirtschaft lag am Boden, die Lebensbedingungen in den Mietskasernen waren katastrophal. Nicht das Wissen um die Krankheitserreger selbst war das Problem, sondern die fehlende Aufklärung der Bevölkerung darüber, dass Vorsorge eine wichtige Waffe im Krieg gegen die Erreger ist. Julius Ferdinand Wollf hatte diesen Zusammen­hang erkannt und öffnete nicht nur die »Dresdner Neuesten Nachrichten« für diese Ideen, sondern engagierte sich auch für eine Einrichtung wie das Deutsche Hygiene-Museum.

Sonderschau des Vereins Deutscher Zeitungsverleger auf der Jahresschau Deutsche Arbeit »Das Papier«, Dresden 1927, in: DNN vom 2. Juni 1927
Sonderschau des Vereins Deutscher Zeitungsverleger auf der Jahresschau Deutsche Arbeit »Das Papier«, Dresden 1927, in: DNN vom 2. Juni 1927

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Kampf gegen Dilettantismus

Wollf bläst mit seinem Blatt kräftig frischen Gedankenwind ins verstaubte Dresden. Nicht zuletzt beim Thema Medizin, was ihn für den Odol-Fabrikanten Karl August Lingner wichtig macht. Wollf ist wie er überzeugt, dass Menschen Krankheiten nicht hilf- oder kampflos ausgeliefert sind. Aufklärung über Ursachen, Vorsorge und moderne Behandlungen sind für ihn wichtige Faktoren. Und Wollf hat zudem einen Hauptfeind in den Redaktionen ausgemacht: den Dilettan­tismus. So ist er nicht grundlos Vorkämpfer der universitären Ausbildung von Journalisten, gründet 1927 in Heidelberg den entsprechenden Ausbil­dungsgang mit.2 Nicht jeder, der einen Bleistift halten könne, sei auch Journalist, schimpft er. Wobei er bei medizinischen Themen nur Leute vom Fach schreiben lässt. Sein Credo:

»Nur der erprobte ärztliche Mitarbeiter, die als streng zuverlässig bekannte Korrespondenz sollen über Gesundheitspflege und Krankheitsbekämpfung in der Presse zu Wort kommen. Niemand darf mit Hoffnungen freventliches Spiel treiben!« 3

Odol-Werbung
Odol-Werbung / © Deutsches Hygiene Museum Dresden

Späte Freundschaft: Wollf und Lingner

Diese für Dresden – aber nicht zuletzt auch für die Idee des Deutschen Hygiene-Museums – so wichtige Freundschaft ist wohl vor allem der Hart­näckigkeit Karl-August Lingners zu verdanken. Lingner, der sozial Enga­gierte und durch die Produktion des Odol-Mundwassers zu prall gefüllten Konten Gekom­mene, hatte sich dem Kampf gegen Krankheiten und Seuchen verschrieben. So unterstützt er das Desinfek­tions­­wesen in Dresden und auch die erste Säuglingsklinik der Welt wird hier mit Lingners Geld finanziert. Und ihm war klar, dass es in diesem Kampf vor allem eines braucht: umfassende Aufklärung.

Genau dafür will Lingner unbedingt den jungen Chef­redakteur und Herausgeber der »Dresdner Neuesten Nachrichten« Julius Ferdinand Wollf ins Boot holen. So kämpft er ganz besonders um das Jahr 1905 herum um dessen Gunst – immerhin war das Blatt nicht nur die wich­tigste Dresdner Zeitung, sondern mit rund 120.000 Exemplaren auch über­regional beachtet. Doch Wollf bleibt Lingner gegenüber erstaunlich kühl. Er hatte sich hin­reißen lassen, räumt er später ein, all den Vor­urteilen zu folgen, die damals wie eine Mauer um Lingner aufgetürmt werden.

Dresden neidet Lingner den wirtschaft­lichen Aufstieg. Dass er sich kein eigenes Bild gemalt hatte, grämt Wollf noch Jahrzehnte später. So wird er sich diese Last dann 1930 in einem sehr persönlichen Buch über Lingner von der Seele schreiben. Und darin schildert Wollf auch, dass Lingner nicht lockerließ – woraus letztlich eine enge Männerfreund­schaft wird.

Julius Ferdinand Wollf (1931) ; Karl August Lingner (1911);
Julius Ferdinand Wollf (1931) ; Karl August Lingner (1911); / © Foto Wolff: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. I, Berlin 1931; Foto Lingner: Nicola Perscheid

Ein Hygiene-­Museum muss her!

Grundsteinlegung Deutsches Hygiene-Museums, 1930, Sammlung DHMD
Grundsteinlegung Deutsches Hygiene-Museums, 1930, Sammlung DHMD

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Nach dem frühem Tod Lingners 1916 wird Wollf einer der Testaments­vollstrecker. Wobei er sich nicht in erster Linie um das finanzielle Erbe seines Freundes kümmert, sondern vor allem um dessen Idee, einen Ort der medizi­nischen Aufklärung zu schaffen. Wollf wird einer der wichtigsten Streiter für das nicht unumstrittene Projekt Hygiene-Museum: mit seiner Zeitung, als promi­nenter Verleger und seinen Kontakten in Hinter- und vor allem Vorderzimmer der Politik. Nicht zuletzt nutzt er den von ihm im November 1928 in Dresden mitgegrün­deten Rotary-Club als wichtige Netz­werkstatt für die Unterstützung der Museums-Idee.

Und Wollf ist frühzeitig Mitglied im Vorstand der »Zweiten Internationalen Hygiene-Ausstellung«, mit der 1930 das Hygiene-Museum eröffnet wird. Auch inhaltlich mischt Wollf sich ein. So regt er eine Ausstellung über Gefäß- und Herzkrankheiten an und entwirft ein »Krebs-Theater«. Eine kleine Drehbühne, auf der im Ausstellungsbereich Aber­glaube und Gesundheit in fünf Szenen das gefährliche Vertrauen in »Wunder­heiler« thematisiert wird. Die wissenschaftliche Arbeits­gruppe ›Aberglaube‹ steht sogar unter gemeinsamer Leitung von Wollf und Dr. Otto Neustädter, langjähriger Direktor der historisch-ethnologischen Abteilung des Museums.4

Die Grundsteinlegung

»Sie von der Verwaltung des Museums haben uns in Professor Julius Ferdinand Wollf und vielen anderen ungeheuer wichtige Stützen geliefert, auf denen der Bau der Ausstellung ruht!«

»Natur und Gesundheit«

Wollfs DNN sind 1921 die erste deutsche Tageszeitung, die mit den Seiten »Natur und Gesundheit« wöchentlich eine medizinische Beilage herausbringt. Und neben seiner Arbeit im Vorstand ist Wollf auch Mitglied des Senats des Museums. 1930 arbeitet er zusätzlich im Präsidium der »Zweiten Internationalen Hygiene-Ausstellung« mit. Ohne Wollfs Rolle für das Museum zu überhöhen: Er ist einer von vielen, aber dennoch einer der festesten Steine im Fundament!

Ins Aus gedrängt und entwürdigt

»Das Leben, das wir führen, zermürbt langsam, aber fühlbar auch den Körper. Mein Passionsweg …«

Nur drei Jahre später – im Mai 1933 - wird Wollf aus dem Museum gedrängt. Frei­willig, wie an­schließend höhnisch im Protokoll der Sitzung zu lesen ist. Frei­willig? Es ist vielmehr Wollfs Herkunft aus einer jüdischen Familie. Denn Juden werden nun mithilfe extra erlassener Gesetze und Ver­ordnungen aus allen öf­fentlichen Ämtern, der Kultur und nicht zuletzt den Medien gedrängt. Auch die »Dresdner Neuesten Nachrichten« ent­lassen Wollf.

»Gestern jämmerliche Erklärung der ›Dresdner NN‹ ›in eigener Sache‹‚ ›Sie seien zu 92,5 Prozent auf arisches Kapital gestützt, Herr Wollf, Besitzer der übrigen 7,5 Prozent, lege Chefredaktion nieder …‹«
Victor Klemperer, Tagebuch, 30. März 1933

Wird sein Fehlen bemerkt? Im Hygiene-Museum? In Dresden? Offiziell will Dresden dieses Fehlen jedenfalls nicht be­merken. Ja, es ist auch die Angst, die mit den National­sozialisten nun an der Elbe regiert. Dennoch gibt es kaum Versuche, zumindest heimliche Signale zu senden. Selbst Prominente wie der erwähnte Literatur-Nobelpreisträger Hauptmann lassen ihn plötzlich fallen. Wollf nennt all das »seinen Passionsweg«.

NS-Aufzug vor dem Deutschen Hygiene-Museum, 1935, Sammlung DHMD
NS-Aufzug vor dem Deutschen Hygiene-Museum, 1935, Sammlung DHMD

Gefährliche gedankliche Nähe?

»Es ist der freie Glaube an das Vaterland, der allein selig macht. An das ‚Deutschland über alles‘ nicht im Sinne der Länder­eroberung und Völkerunter­drückung wie man’s verketzert und fälscht. An das Vaterland, das uns über allem steht in der Welt!«

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Hat sich Wollf in diesen düsteren Jahren vielleicht auch gefragt, ob er den braunen Menschen­fängern mit seinen DNN gedanklich gefährlich nahe­gekommen war? Hatte sein Blatt schon seit den politisch wilden 1920er-Jahren mit so manchem Text, so mancher Kampagne geistige Steig­bügelhalter-Dienste für Hitlers Mörderregime geleistet? Ja, Wollfs Wirtschafts­nationalis­mus, sein Hang zum Natio­nalliberalen und seine Abscheu gegen den Bolschewismus waren den Lesern sicher nicht verborgen geblieben. Wie auch seine Kritik an den wirtschaft­lichen Auswirkungen des Versailler Vertrags. Doch nein, ein nationa­listischer oder gar rassistischer Brandstifter allerdings war er nie!

Innenhof des Deutschen Hygiene-Museums 1945, Sammlung DHMD
Innenhof des Deutschen Hygiene-Museums 1945, Sammlung DHMD

Das Ende – ein selbstbestimmter Freitod?

»Wir haben so sehr gelitten, daß wir nicht mehr weiterleben wollen!«

Wollf ist schwer krank, er wird sein Augen­licht verlieren. Doch Arztbesuche werden ihm – als Juden – mehr und mehr verwehrt. Und nach der Würde wird ihm auch die wirtschaft­liche Sicherheit genommen: Seine Konten werden einge­zogen, seine Villa wird zum »Judenhaus«, fremde Menschen – durch die sogenannten Rasse­gesetze Entrechtete – werden zwangsweise einquar­tiert. Und am 20. Januar 1942 beginnen die Deportationen der Dresdner Juden in die Vernich­tungslager. 244 Dresdner Juden werden mit diesem ersten Transport ins Lager Riga gebracht.

Auch Wollfs Bruder Max, den er 1905 als Proku­risten in den Verlag geholt hatte, sollte dazu gehören. Er erhängt sich in der Nacht zuvor. Am 24. Februar 1942 ergänzen die Wollfs noch einmal ihr Testament: »Wir haben so sehr gelitten, daß wir nicht mehr weiterleben wollen.« Nacht für Nacht kommen brutale Schläger: »Wenn ihr morgen noch lebt, bringen wir Euch um«, grölen sie am 26. Februar 1942 den Wollfs ins Gesicht. Am nächsten Tag nehmen beide Gift. Er ist sofort tot, Johanna Wollf quält sich noch eine nicht enden wollende Nacht lang.5

Julius Ferdinand Wollf; aus: Der Westen, Köln 1928
Julius Ferdinand Wollf; aus: Der Westen, Köln 1928

Tatsächlich vergessen, tatsächlich ausgelöscht?

Wollf ist in Dresden bis heute nahezu vergessen. Es scheint also, als hätten die National­sozialisten ihr Ziel erreicht.

Einige wenige gibt es aber doch, die versuchen, Julius Ferdinand Wollf aus diesem Vergessen zu reißen. So liegen seit 2017 zwei Stolpersteine für die Wollfs dort, wo ihre Villa in Dresden stand. Und im Frühjahr 2019 ist ein fast 600 Seiten starkes Buch über Wollf er­schienen, mit einem Vorwort des Direktors des Hygiene-Museums Professor Klaus Vogel. Der Dresdner Verleger Alexander Atanassow vom Kunstblatt-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, »Vergesse­ne« zurück ins Bewusstsein der Stadt zu holen und dieses Buch heraus­gebracht. Am Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden schließlich arbeitet die Provenienzforscherin Dr. Barbara Bechter daran, die kostbare verschwundene Kunstsammlung des Ehepaars Wollf zu rekonstruieren.

 

Dresden, Franz-Liszt-Straße / Wiener Straße
Dresden, Franz-Liszt-Straße / Wiener Straße

Exkurs: Die verschwundene Kunstsammlung der Wollfs

Am 8. August 1942 wird in den Bestand des Kunstgewerbemuseums Dresden eine hochkarätige Sammlung europäischer und ostasiatischer Kunstwerke übernommen. Laut Inventarbuch 516, Bl. 406-408 stammt sie »aus dem Nachlaß des Juden Israel Wollf, Dresden, Franz-Liszt-Str. 6«. Bei diesem »Israel Wollf« handelt es sich um Julius Ferdinand Wollf.

Zahlreiche Archivalien, die Hinweise zur Sammlung des Ehepaares Wollf geben könnten, sind in Dresden als Kriegsverlust verzeichnet − darunter die Akten zur Vermögensbeschlagnahme, zum Vermögenseinzug, der Geheimen Staatspolizei und die Testamentsakte im Sächsischen Staatsarchiv. Zum Testamentsvollstrecker wurde vom Ehepaar Wollf der Rechtsanwalt Dr. Gerhard Poege bestimmt. Die in seiner Dresdner Kanzlei in der Ferdinandstr. 11 aufbewahrten Dokumente und Schriftstücke sind im Februar 1945 verbrannt. Einzig in der im Sächsischen Staatsarchiv Dresden erhaltenen Erbscheinakte gibt es einige Hinweise auf die Kunstschätze. Rückfragen bei Provenienzforschern sämtlicher großen Museumsverbünde und Archive in Deutschland und den USA erbrachten zwar einige knappe Personenhinweise, aber keinerlei Informationen zur Kunstsammlung. Trotz intensiver Recherche konnten bisher auch keine Innenaufnahmen der von den Wollfs bewohnten Villa in der Franz-Liszt-Str. 6 gefunden werden.

Daher kann derzeit nur anhand der Unterlagen im Sächsischen Staatsarchiv und im Kunstgewerbemuseum Dresden, durch Ausstellungskataloge und Bemerkungen von Freunden und Bekannten der Wollfs der Versuch unternommen werden, die Kunstsammlung des Ehepaares wenigstens ansatzweise zu rekonstruieren.

Katharina Wyler-Salten, Gedächtnisskizze der Einrichtung des Erdgeschosses in der Villa Franz-Liszt-Str. 6 zur Zeit des Ehepaars Wollf, mit Flügel und Aubusson-Teppichen in der Wohnhalle sowie Bibliothek rechts unten. Die eingezeichnete „Galerie“ bezieht sich auf die über zwei Geschosse reichende Wohnhalle (Privatbesitz Israel)
Katharina Wyler-Salten, Gedächtnisskizze der Einrichtung des Erdgeschosses in der Villa Franz-Liszt-Str. 6 zur Zeit des Ehepaars Wollf, mit Flügel und Aubusson-Teppichen in der Wohnhalle sowie Bibliothek rechts unten. Die eingezeichnete „Galerie“ bezieht sich auf die über zwei Geschosse reichende Wohnhalle (Privatbesitz Israel)

So beschreibt eine enge Freundin der Wollfs, die Ehefrau des Chefdirigenten der Dresdener Philharmonie Emmy Mrazek 1956 die repräsentative Kunstsammlung in einem Gedächtnisprotokoll.

»Das Haus von Julius Wollf war wohl mit das wertvollste Haus in Dresden; man kann sagen, dass jedes einzelne Stück einen bedeutenden Wert darstellte. Es waren wohl nur Kunstschätze in diesem Haus. Zu den mobilen Werten gehörte eine Sammlung von Ostasiatica, die in den Jahren 1926 und folgende mit großem Bedacht gesammelt worden waren und dazu gehörten Schnitzereien, Intarsien, Bronzen. 
Ich erinnere mich gut, dass der Käufer Almeyer das Haus mit teilweisem Inhalt so gut wie geschenkt erhielt. Das Haus war viel mehr wert, ein Zehnfaches von 60000 Mark.
Als das Gesetz die Ablieferung von Schmuck, Silber und anderen wertvollen Gegenständen befahl, also ziemlich lange bevor Herr und Frau Wollf sich das Leben nahmen, wurden durch Herrn Wollf zwei Möbelwagen voll wertvollstes Inventar zwangsweise in ein öffentliches Lager abgeliefert. Das Haus war wohl das Pfandhaus am Neustädter Markt und Herr Wollf erfüllte die gesetzliche Vorschrift bis zur letzten Konsequenz. 
Dazu gehörten teure Teppiche, auserlesene Decken, Möbelstücke mit Sammlerwert, viel Schmuck, ein Renoir und vieles Anderes. Auch einen Kokoschka (Elbebrücken) besaß er, möglicherweise ein [sic] Cézanne und andere wertvolle Bilder, u.a. von Wrba, Madonnen und andere Figuren. Das Porzellan und reichlichst Silber, ein Blütner-Flügel [sic], Sammlerstücke von herrlichen Uhren und alles, was zu einem vollständigen, großen und kultivierten Haushalt gehört, vielen [sic] ebenso wie alles andere den Nazis zum Opfer. Herr Wollf besaß außerdem eine ganz hervorragende Bibliothek mit vielen bibliophilen Werken; es gab keine wertvolle Neuerscheinung, die Herr Wollf nicht beschafft hätte. Herr Wollf war geistig universell interessiert und so war seine Bibliothek; diese war in Dresden berühmt, es müssen Tausende von Bänden gewesen sein. Es ist nicht zweifelhaft, dass diese Werte mehrere hunderttausend Mark repräsentierten. [...] Es fallen mir auch zahlreiche Originalradierungen (in Mappen) ein, die Herr Wollf besass. [...]
Hieraus ist ersichtlich, dass es sich um den Besitz eines höchst kultivierten und reich zusammengestellten Hauses handelte. Herr Wollf hatte sich von klein auf emporgearbeitet. Ich war eng befreundet mit Wollfs und verkehrte dauernd bei ihnen. Obzwar ich als Nichtjüdin ihnen gerne geholfen hätte, hat Herr Wollf es immer abgelehnt, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder das Mindeste zu Tun, was nicht legal gewesen wäre. Obiges bestätige ich nach bester Erinnerung und mit bestem Gewissen.«

Die hier ausgeführten Gemälde von Kokoschka, Renoir und evt. Cézanne könnte das Ehepaar Wollf, ebenso wie zwei weitere, 1929 aus ihrer Sammlung für eine Ausstellung des Sächsischen Kunstvereins verliehenden Werke der Künstler Oskar Moll und Jules Pascin, bei seinen häufigen Besuchen in Berlin in einer dortigen Galerie erworben haben oder in den Auktionen der Dresdner Galerie Ernst Arnold. Dort kamen Bilder all dieser Maler zwischen 1903 und 1932 häufig zur Versteigerung.

Zusätzliche Kunstwerke werden im Testament des Ehepaars genannt: Eine Faunplastik und eine gotische Verkündigungsgruppe, zwei Kruzifixe (schwarzsilbern und Elfenbein in Goldrahmen), ein gelb-intarsierter Schreibsekretär, Wiener Arbeit, und ein Schreibsekretär aus Kirschbaum, zwei Perserteppiche und eine Uhr auf dem Schreibsekretär, je eine Zeichnung von Sascha Schneider (Illustration zu Karl May) und Otto Schubert (Porträt des Grafen Niki von Seebach) sowie als Schmuck mehrere Manschettenknöpfe mit Halbedelsteinen und eine silberne Taschenuhr mit Kette und Anhänger. Diverse Möbel, Bilder und wertvolle Teppiche der Wollfs, die sich »in Folge der uns auferlegten Zwangseinquartierung« in der Wohnung der Haushälterin Hulda Grille befanden, sollten dieser überlassen werden.

Der Verbleib der Kunstsammlung des Ehepaars Wollf lässt sich nur für die Objekte, die 1942 durch das Kunstgewerbemuseum Dresden inventarisiert worden waren, belegen. Diese wurden im August und Dezember 1943 zusammen mit den Objekten des Kunstgewerbemuseums nach Schloss Frauenstein, auf die Festung Königstein und nach Schloss Reichstädt ausgelagert, in letzterem unter der Kistennr. SW/111 [Sammlung Wollf und lfd. Kistennummer]. 

Von den unter den Inventarnummern 36222 bis 36263 inventarisierten 48 Objekten der Möbel-, Glas- und Ostasiaticasammlung des Ehepaars Wollf gelten 14 als Kriegsverlust. Diese heute fehlenden Objekte sind fast alle in Schloss Reichstädt und in Schloss Frauenstein in den Nachkriegswirren verloren gegangen. Eine auf der Festung Königstein eingelagerte Kommode wurde wohl von der Roten Armee abtransportiert.

Von all den im Protokoll von Emmy Mrazek und im Testament der Wollfs aufgeführten Gemälden, Graphiken, Teppichen, Skulpturen und prächtigen Möbeln sowie dem wertvollen Schmuck, dem Flügel und den Büchern ist einzig der Verbleib eines Gemäldes von Jules Pascin bekannt, das Hildebrand Gurlitt unter Wert für 600 Reichsmarkt 1935 von Julius Ferdinand Wollf übernahm. Das Bild wurde 1945 von den Monuments Men in Schloss Aschbach / Oberfranken entdeckt und befindet sich heute in Privatbesitz in Chicago. Die Gemälde von Moll, Kokoschka, Renoir und möglicherweise ein Cézanne könnten zu der den Geschwistern des Ehepaars zugedachten Erbmasse gehört haben. In dem Nachtrag zum Testament von 1941 wird erwähnt, dass sich der ursprünglich als Testamentsvollstrecker bestimmte Bruder Max Wollf »unter unseren Bildern aussuchen kann, was ihm als liebstes Andenken gelten wird«. Das Ehepaar dringt dort auch darauf, dass »unsere antiken Möbel, Kunstgegenstände und Teppiche … nach ihrem wirklichen Wert … unter Hinzuziehung eines unbedingt zuverlässigen Sachverständigen« verwertet werden sollen, d.h. sie waren zu diesem Zeitpunkt wohl noch vorhanden. Da die beiden Sammler bis Januar 1942 über ausreichend finanzielle Mittel verfügten, erscheint es unwahrscheinlich, dass sie ihre Bilder aus einer finanziellen Notsituation abgegeben hätten. Die Geschichte des Gemäldes von Pascin lässt allerdings vermuten, dass sie vielleicht schon Mitte der 1930er-Jahre zu einem Verkauf dieses oder mehrerer Bilder gezwungen wurden.

Die Beschlagnahme des Vermögens der Eheleute Wollf durch die Geheime Staatspolizei Dresden erfolgte am 19. Januar 1942. Von diesem Tag an hatte das Ehepaar Wollf keinerlei Verfügungsgewalt mehr über sein Vermögen. In mehreren Quellen werden die grauenhaften Hausdurchsuchungen und Misshandlungen des Ehepaares in dieser Zeit geschildert, so von Karl Laux, dem Musikredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten:

»Dem alten, ungewöhnlich gebildeten Mann haben die Nazis dann schwer mitgespielt. Wir erfuhren es später von der Haushälterin der Wollfs. 1942 kamen die SS-Leute jeden Abend ins Haus und schrien: ›Na, Ihr Schweine, lebt Ihr noch immer?‹ Dann schmissen sie seine so sehr geliebte Antiquitätensammlung an die Wand und bombardierten ihn mit seinem Meißner Porzellan.«

Der Nachlass der Wollfs wurde zum 28.2.1942 auf über 200.000 Reichsmark veranschlagt, davon die Villa mit 58.500,- RM, die Wertpapiere mit 99.500,- RM, das Bankguthaben mit 8.000,- RM und das »sonstige bewegliche Vermögen« − darunter wohl die erhaltenen Kunstschätze – mit 36.000 RM. 

Durch Vermittlung der Gestapo erwarb der Kammersänger Mathieu Ahlersmeyer aus Köln die Villa mit einem Teil der Einrichtung für 66.000 RM. Das übrige Vermögen und die Bankkonten des Ehepaars Wollf wurden auf Anordnung des sächsischen Innenministers vom 8.12.1942 zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Da schon im August 1942 Möbel, Gläser und Ostasiatica an das Kunstgewerbemuseum abgegeben worden waren und in allen anderen Dresdner Sammlungen kein Zugang von weiteren Kunstwerken oder Gemälden der genannten Maler in dieser Zeit nachweisbar ist, kann nur vermutet werden, dass zumindest ein Teil davon verkauft wurde und sich bisher unerkannt in Museen oder privater Hand befindet.

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« von
Deutsches Hygiene Museum Dresden
www.dhmd.de

Autor: Jens Fritzsche, Autor und Journalist, Dresden

Exkurs »Die verschwundene Kunstsammlung der Wollfs«: Dr. Barbara Bechter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung am Kunstgewerbemuseum − Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Ulrike Horstenkamp und Dr. Jessica Popp (Exkurs), AsKI e.V.

Techn. Bearbeitung von Abbildungen, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Wir bedanken uns beim Kunstgewerbemuseum − Staatliche Kunstsammlungen Dresden für die Beteiligung an TSURIKRUFN! mit einem Exkurs zu der veschwundenen Kunstsammlung des Ehepaar Wollf.

Quellenangaben

Deutsches Hygiene Museum Dresden
Das 1912 von dem Odol-Fabrikanten Karl August Lingner (1861–1916) als Gesundheits­museum gegründete Haus versteht sich heute als ein interdisziplinäres »Museum vom Menschen«. Es ist ein wichtiger Ort für die Dresdner Stadtgesellschaft, an dem über aktuelle Themen aus Wissenschaft und Kunst, Kultur und Gesellschaft debattiert wird. Mit seinem vielfältigen Ausstellungsprogramm ist es aber auch ein beliebtes Ziel für Gäste aus ganz Deutschland und aller Welt.

Die populärwissenschaftliche Dauerausstellung ist dem »Abenteuer Mensch« gewidmet, das mit klassischen Exponaten, Medien und interaktiven Stationen auf einem abwechslungsreichen Parcours in Szene gesetzt ist. Für die jüngsten Besucher bietet das Kinder-Museum einen erlebnisorientierten Einblick in die »Welt der Sinne«.

Die Dauerausstellung präsentiert zahlreiche Objekte aus der umfangreichen Sammlung des Museums, wie z. B. den »Gläsernen Menschen«, wertvolle Wachsmoulagen, anatomische Modelle und Präparate, internationale AIDS-Plakat-Kunst oder körper- und kulturhistorische Exponate aus unterschiedlichen Sammlungsbereichen.

Die großen Sonderausstellungen beschäftigen sich mit einem breiten Spektrum von aktuellen und historischen Fragestellungen – von Glück und Leidenschaft über Sex, Tod, Sport und Tanz bis hin zu Klima, Sprache oder Scham. Mit ihren kuratorischen Konzepten und neuartigen Szenografien stoßen sie auf großes Interesse nicht nur beim allgemeinen Publikum, sondern auch in der Museums- und Medienszene.

In Verantwortung für seine historische Rolle im 20. Jahrhundert, insbesondere als Propagandaeinrichtung der nationalsozialistischen Rassepolitik, beschäftigt sich das Museum immer wieder auch mit Persönlichkeiten der eigenen Institutionsgeschichte.