Tuvia Rübner
1924–2019

Gedichte als Über­lebensmittel

»

Gedichte sind für mich die Quintessenz meines Lebens, sind im Grunde mein eigentliches Leben.

Tuvia Rübner

­Als Kind jüdischer Eltern 1924 im damaligen Pressburg geboren, gelang Tuvia Rübner 1941 als 16-Jährigem die Flucht nach Palästina. Alle Angehörigen wurden in Auschwitz ermordet. Im Kibbuz Merchavia begann er, Gedichte zu schreiben, zunächst auf Deutsch, ab 1954 auf Hebräisch, erst ab 1992 wieder auch auf Deutsch und setzte sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen in Israel und Deutschland ein – schon in einer Zeit, als dies noch unmittelbar durch schwerste Verwundungen belastet war.

Für seine etwa zehn hebräisch­sprachigen Gedichtbände erhielt Rübner 2008 den Israel-Preis für Literatur, für seine elf deutsch­sprachigen Bände (die seit den 1990er Jahren im Aachener Rim­baud Verlag erschienen) erhielt er u. a. den Christian-Wagner-, den Paul-Celan-Preis und den Theodor-Kramer-Preis, außerdem den Konrad-Adenauer-Literaturpreis.

Tuvia Rübner liest »Century«

Kindheit in Pressburg und Flucht

»Das Licht der Welt erblickte ich am 30. Januar 1924 in Bratislava, das auch Pozsony hieß und das wir Preßburg nannten. Neun Jahre war es für mich das Licht der Welt, vielleicht sogar etwas länger. Es verdunkelte sich, als man auch in Preßburg den Juden nachstellte und meine Schul­freunde mich plötzlich nicht mehr kannten.«

Tuvia Rübner, »Wüstenginster«, S. 65

Geboren als erstes Kind des jüdischen Ehepaars Manfred-Moritz Rübner und Elsa Grünwald-Rübner, besucht Kurt Tobias (Tuvia) Rübner bis zu seinem 14. Lebens­jahr die Schule in Pressburg. Schon als Heran­wach­sen­der beginnt er, Gedichte zu schreiben. Nach der Annexion der Tschechoslowakei durch die Deutschen 1938 darf er das Staats­real­gymnasium nicht weiter besuchen. Dass er mit einer Jugend­gruppe zu einem zweijährigen Aufenthalt nach Israel reist, rettet sein Leben.

Zwei Kinderfotos von Tuvia Rübner in Preßburg /
Zwei Kinderfotos von Tuvia Rübner in Preßburg / / © privat; mit Dank an Michael Augustin

»1941 nahm ich am Bahnhof Abschied von meinen Eltern und meiner Schwester. Damals blieb die Zeit stehen. Nein, sie blieb es nicht. Weder Schwester noch Eltern, weder Großeltern, weder Verwandte noch die meisten meiner Jugendfreunde habe ich wiedergesehen. Wir fuhren, eine kleine Gruppe aus der Jugendbewegung, über Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien und Libanon nach Eretz Israel.«
Tuvia Rübner, »Wüstenginster«, S. 65

Tuvia Rübner mit seinen Eltern und der Schwester, 1940-41
Tuvia Rübner mit seinen Eltern und der Schwester, 1940-41 / © privat, Galila Rübner

… nach Merchavia

Im Kibbuz Merchavia, in dem Rübner Aufnahme findet, geht er zunächst vor allem land­wirt­schaft­lichen Tätigkeiten nach – und fährt fort, Gedichte in deut­scher Sprache zu schreiben. Von den Qualen, die dies für ihn bedeutete, berichtet er Erich Fried 1949 in einem Brief:

»Nun muss ich Dir aber vor allem etwas eingestehen: Ich schreibe Deutsch, weil mich diese Sprache beherrscht, weil ich nicht anders kann. Es ist dies eine Schwäche, aber eine so grosse, so unbedingte, dass sie zur Kraft wird, vielleicht zur eigentlichsten, entschiedensten. […] Wenn ich denke, dass ich Deutsch schreibe, so quält mich das insgeheim, nur wenn ich dichte, bin ich berauscht und fortgerissen.«
Rüber an Erich Fried, 2.4.1949

Tuvia Rübner (der zweite von links) beim Melken der Schafe, Gedichte vor dem inneren Auge /
Tuvia Rübner (der zweite von links) beim Melken der Schafe, Gedichte vor dem inneren Auge / / © privat, Galila Rübner
Tuvia Rübner, der Neuankömmling in Israel 1942 /
Tuvia Rübner, der Neuankömmling in Israel 1942 / / © privat, Galila Rübner

Über die Gedichte schließt Rübner auch erste Literatenfreundschaften in Israel, vor allem mit Ludwig Strauss und Werner Kraft, der den jungen Dichter entscheidend fördert:

»Ich habe, wenn ich das sagen darf, von Ihnen einen sehr guten menschlichen Eindruck und glaube auch, daß in Ihnen eine echte dichterische Kraft zum Ausdruck ringt. Ob Sie diesen Ausdruck schon heute oder noch nicht gefunden haben, das spielt für mich nicht die geringste Rolle und sollte auch für Sie keine spielen: nur wer eine lange Geduld hat, kann hoffen, einmal, und sei es auch erst in 20 Jahren, seine Mitmenschen von der Notwendigkeit dessen zu überzeugen, was er zu sagen hat. Inzwischen aber sollten Sie gleichzeitig mit Ihrem dichterischen Bemühen Ihre ganze geistige Kraft darauf konzentrieren, den Zusammenhang mit Ihren Mitmenschen zu finden, statt ihn zu sprengen.«
Kraft an Rübner, 25.9.1943

Später kommen weitere inter­natio­nale Kontakte und Freundschaften mit Literaten und Dichtern hinzu: mit Josef Agnon oder Anton Pincas, die Rübner ins Deutsche übersetzt, Dan Pagis, Lea Goldberg, Oser Rabin, Martin Buber, Hans-Otto Horch, Friedrich Dürrenmatt und seiner Frau Lotti, Adolf Muschg, Lars Gustafsson, Nathalie Sarraute, Tomas Tranströmer, Frank Schablewski u.v.a.

Dichterfreunde: Lars Gustafsson, Tuvia Rübner, Dan Pagis /
Dichterfreunde: Lars Gustafsson, Tuvia Rübner, Dan Pagis / / © privat, Galila Rübner

»Selbst was wir Gegenwart nennen, ist Erinnerung, da alles Erlebte im Augenblick, wo es uns zu Bewusstsein kommt, wo wir es wissen, Erinnerung wird. Wirk­lich­keit ist, was wir nicht wissen.«

Tuvia Rübner

Erinnerungen
an die Familie

Die Korrespondenz des jungen Tuvia Rübner mit seiner in der Slowakei zurück­geblie­benen Familie aus den Jahren 1941–42 ist erhalten (Rübner selbst zitiert sie in seiner Auto­bio­graphie). Der einzige erlaubte Post­verkehr mit dem ‚Feindes­land‘ waren damals die Brief­formu­lare des Roten Kreuzes, die unver­schlo­ssen geschickt werden mussten und nicht mehr als 25 Worte persönlicher Nachrich­ten enthalten durften; bewilligt wurde ein Brief alle zwei Monate. 1942 liest Tuvia – als eine der letzten Nachrichten von seinem Vater: »Sind ausgesiedelt nach General­gouver­nem[en]t ehemaliges Polen. Neues Domizil erfahret durch Jüdische Selbst­hilfe Krakau, Post­fach Nr. 2 IL«. Der Rest des Briefes ist ausge­schnitten, von der Zensur getilgt. Im Yad Vaschem Archiv in Jerusalem findet sich die Eintra­gung, dass Rübner Moric, Rübnerova Alzbeta und Rübnerova Alica (Rübners Schwester Lizzie) mit Transport Nr. 46 am 12. VI. 1942 nach Auschwitz geschickt wurden.

Tuvia Rübner mit seiner Schwester /
Tuvia Rübner mit seiner Schwester / / © privat, Galila Rübner
Deportationsschein von Rübners Schwester nach Auschwitz, Yad Vaschem /
Deportationsschein von Rübners Schwester nach Auschwitz, Yad Vaschem / / © privat, Galila Rübner

Mein Vater wurde umgebracht.
Meine Mutter wurde umgebracht.
Meine Schwester wurde umgebracht.
Mein Großvater wurde umgebracht.
Meine Großmutter wurde umgebracht.
Meine Verwandten wurden umgebracht.
Freunde wurden umgebracht.
Ein Hund bellt. Ein Kind weint. Wind verfing sich im Laub.
Mein Onkel konnte sich retten.
Meine Tante konnte sich retten.
Ada verunglückte tödlich.
[…]
Nicht denken. Nicht denken.
Dan ist tot.
Was für Schreie da draußen?
Ein Polizeiwagen heult.
Meine Tante starb.
Werner starb. Aja starb.
Ein kleiner Gecko am Fensternetz.
Eva ist tot.
Ernst ist tot.
Oser ist tot.
Yehoshua ist tot.
Vergaß ich jemanden?
Ist die Reihenfolge nicht richtig?
Ich gehe zum Spiegel
und schaue.
Ich schließe die Augen.
Ich öffne die Augen.
Was stimmt nicht?

­Eine Totenlitanei – die auch die teils harmlose, teils ebenfalls von Gewalt durch­setzte Gegenwart (bellender Hund, Wind, Gecko; Schreie drau­ßen, Polizeiauto) mitumfasst: ein Leben im Spannungsfeld zweier Welten, der Toten und der Leben­den, bis der Sprecher zutiefst daran zweifelt, selbst noch vorhanden zu sein. Und dennoch ist gerade die Erinnerung an die Verlorenen die entscheidende Triebfeder des poeti­schen Zeugnisses und eine Quelle seines Lebenswillens.

 

»früher hing ich so wild am Leben, dass ich dachte, ich könne nicht sterben, weil ich zum Leben erkoren wurde, um meine Familie zu vertreten. Ein wahnsinniger Gedanke, und doch gab es ihn«

Tuvia Rübner

Nächtliches

Tappen, tappen, tappen, tappen
nach einem Wort so unverfälscht wie
das Stöbern im Müll nach Essbarem, Resten, so schonungslos wahr.

Und über dem allen der höhnende Mond
verzogener Mund grinsend im Finstern.

Leicht, ach wie leicht waren die Lüfte
noch ohne Verluste, Verluste, Verluste,
immer wieder herzlos verloren, und was soll
all die Lust im Verlust? Qual und Lust,
ist’s möglich? Schmerzfroh entkommen und dasein,
ist’s möglich?

und schlafen, noch möglich zu schlafen
mit all dem? Wie tröstlich war doch
in uralten Zeiten das Müde bin ich, geh zur Ruh

Vater, auglos.

Rauchiger, Aschiger,
verschüttet im Aschsee in Ausch.

Ein Grab in den Lüften, Rauch, Asche – obsessiv wiederkehrende Motive, nicht nur in Rübners Lyrik.

Weiterleben in Israel

»Dieses Land rettete mein Leben. Seine Landschaft, die mich begrüsste, war nicht die Landschaft meiner Seele. Meine Seelenlandschaft ist Wiese und Wald, Bäche, Berge, ein Fluss, karpatisch. […] entgegen­kommend war diese Landschaft so wenig wie die Menschen, die sie bevölkerten«.

(in: »Ein langes kurzes Leben«, S. 91)

Die politische und kriege­rische Realität auch in seiner neuen Heimat tut das ihrige, um den empfänglichen Dichter weiter zu verstö­ren; er und Werner Kraft bezeichnen das Geschehen von Gewalt – in Vergan­gen­heit und Gegenwart – wiederholt als »Wahn­sinn«. In einer seiner Gedicht-Sek­tio­nen mit dem Titel: »Unge­reim­te Reime aus dem dreißigjährigen Krieg« evoziert er – in einer Art verzwei­feltem Sarkas­mus – Abzähl­reime.

Ich und du
Ich und du
Fleischers Kuh
Fleischers Schlachtvieh
Ich und du.

Du und Ich
Schauerlich
So’n Scheusal
Gab’s noch nicht.

Eins, zwei, drei
Wieder die Schießerei
Da liegt ja einer schon:
Na ja, ist nur des Nachbars Sohn.

Tuvia Rübner liest »Nach den Kämpfen der Nacht« auf Deutsch und Hebräisch

Persönlich ereilen ihn weitere Schicksalsschläge: Seine Frau Ada, die er 1944 geheiratet hat, kommt 1950 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, den er selbst nur schwer verletzt überlebt. Nun muss er die gemein­same Tochter Miriam allein aufziehen. Da er nicht mehr in der Landwirt­schaft tätig sein kann, arbeitet er zunächst als Bibliothekar, dann als Literatur­lehrer an einem Lehrer­seminar und wird schließlich Professor für Vergleichende Litera­tur­wissen­schaft an der Universität Haifa (bis zu seiner Emeritierung 1992). Mit der Konzert­pianistin Galila Jisreeli, die er 1953 heiratet, hat er zwei Söhne, Idan und Moran. Moran bleibt seit einer Südame­rikareise 1983 spurlos verschwunden.

Tuvia Rübners verschollener Sohn Moran /
Tuvia Rübners verschollener Sohn Moran / / © privat, Galila Rübner

Die Woche begann

Die Woche begann wie immer.
Im Morgengrauen wurde die Zeitung vors Haus geworfen.
Die Hundekette schliff über den Boden.
Fahrzeuge begannen zu fahren.
Die Luft war dunstig. Das wird ein heißer Tag.
Der Mann trank den Morgenkaffee zu Ende und fuhr in sein Amt.
Die Luftverschmutzung verschleierte die Berge.
Die Frau reinigte mit müden Augen den Frühstückstisch.
Sammelte die Wäsche. Der Hund wimmerte.
Ein Tränenhaupt blickt durchs Fenster:
Kein Wo-noch mehr. Verschollen, verschollen.
Die Frau versteint. Eine Grube höhlt sich ihr im Bauch.

»Der Verlust unseres Sohnes Moran, sein spurloses Verschwinden, und noch so eine Hölle drei Jahre später, betäubten mich wie ein Rind in der Schlachtbank. Es waren zehn Schweigejahre, nur einmal unterbrochen von elf Gedichten über und an den Sohn […]. Auch mein Körper schien der Lage nicht gewachsen zu sein. Wissen kann man das ja nicht. Wissen wird immer schwieriger. Manchmal ist schon ein einfacher Aussagesatz eine Unmöglichkeit. Dennoch schreibe ich nieder: Angina pectoris wurde konstatiert und zwei Operationen hatte ich zu bestehen, eine davon ziemlich kompliziert.«
(in: »Ein langes kurzes Leben«, S. 164)

Poesie und Kunst

Auch zu Musik, Malerei und Bildender Kunst unterhält der Dichter Rübner ein emotionales Näheverhältnis. Das Klavierspiel Galila Rübners erscheint in den Gedichten als leuchtendes Faszinosum, und immer wieder wendet er sich Gemälden zu und macht sie zu Reflexionsmedien sowohl seiner eigenen Subjektivität als auch existentieller überindividueller Fragen. Die Werke werden ihm zum gedanklichen Halt, an dem er sein poetisches und menschliches Credo – eines Glaubens an den Wert des Menschlichen und des Schönen – entwickelt, als »Lobgesang dem Dasein«.

Die zweite Ehefrau Galila Rübner /
Die zweite Ehefrau Galila Rübner / / © privat, Galila Rübner

Spätes Lob der Schönheit

Tiefes Ultramarin.
Und wenn das Licht es will enthüllt sich
sein Geheimnis: Violett.

Ich ging an ihm vorbei und
kehrte um Ich ging an ihm
vorbei und kehrte um

–  Was, in meinem Alter? –

Jetzt hängt in meinem Zimmer
blaue Nacht und steinernes
Feuer sinkender – nein
nichtsinkender Sonne am
schlummernden Horizont –

Marcus Rotkovitch aus Dvinsk
seit 1914 in den USA.
Mark Rothko
malte früher anders:
figurativ, mit vielen Strichen

bis er herausfand
das Wenige ist
mehr und wußte
nichts ist schwieriger
als das Einfache

Und alle Farben des Regenbogens
und die Farben dazwischen
sind das Leben.

Und wie der Herbst in Vermont
sammelte er, ehe sie ganz abhanden kommen
die Farben von vierzig Geschlechtern
und legte sie Schicht um Schicht
Grade über Grade
Senkrechtes – Seele des Waagrechten
und wie das Laub im Abendwind
rauschen die Stimmen
fast lautlos
und sagen sich dieses und jenes
und alle die Farben erglühen
Abtönungen des Roten, des Gelben
des Braunen, des Blauen, des Orangen
und Grünen –
welch Lobgesang dem Dasein

von einem, der seine Adern durchschnitt und
alle Farben seines Körpers verschüttete
ein weißer Schatten wurde.

Innere Verbundenheit mit Europa

Als Abgesandter der Jewish Agency verbringt Rübner die Jahre 1963–66 in der Schweiz, und schließt hier u. a. enge Freund­schaft mit Fried­rich Dürren­matt und seiner Frau Lotti. Auch später führen ihn immer wieder ausge­dehn­te Reisen nach Europa, nicht nur in seine vormalige Heimat, sondern auch in geliebte italienische Städte. Doch wohin immer er reist, die Traumata seiner Vergangenheit und das boh­ren­de Nachdenken über ethische oder anthropologische Grundfragen bleiben gegenwärtig. Licht und Schatten – und wie sie sich paaren oder verbinden – bleiben meta­pho­risch oder real ein Grundthema seines Schaffens.

»Florenz auf einer Postkarte, das ist ja wie der Ozean in einem Wasserglas.«

Tuvia Rübner
Tuvia Rübner, ca. 1980 /
Tuvia Rübner, ca. 1980 / / © privat, Galila Rübner

Der Dichter erweist sich dabei einer­seits literarisch als poeta doctus, der auf Goethe, Hölder­lin, Nietz­sche, Rilke, Stefan George u.v.a. Bezug nimmt, und anderer­seits als ein ‚Mann des Auges‘, der Erlebnisse visuell äußerst plastisch beschreibt und sich auch als äußerst begabter Fotograf betätigt.

Ansichtskarte aus Florenz

Freundliche Grüße aus Florenz. Was ist die Kunst doch ein Magnet.
Zwischen Japanern und Chinesen, Deutschen, Franzosen, Russen, Finnen Ungarn, Griechen zu
Giotto
und Ghiberti, Massacio, Michelangelo, zu Donatello und Angelico
zu den gezuckerten kristallenen Früchten auf kleinen Stäbchen aufgespießt
zu den Gelati in hundert Farben und Geschmäckern
zum Baptisterium mit seinen goldenen Reliefs zum Dom
und Dommuseum mit der Pieta zu drei, zum David, groß wie Goliath
wehmütig stolz (da ist der Donatellos schriftgerechter)
zum Schlange stehen vor den Uffizien (vielleicht wird man noch
heute durchgeschleust), zu, zu, zu, mein Gott
Florenz auf einer Postkarte, das ist ja wie der Ozean in einem Wasserglas.

Aber was täten wir ohne das Schöne?
Ließen die Meere verseuchen, die Ur- und Regenwälder fällen
die Luft verpesten, morden aus Irrsinn oder Spaß?
Was täten wir ohne das Schöne in dieser habgierigen, schamlosen Welt?

So vieles unerwähnt: Der herzliebe Gozzoli im Medicihaus
gleich neben den Gräbern. Die Fresken des Engels aus Fiesole
der tote Christus Mantegnas, verkürzt, ein starkes Bild, zum Teufel
der ist ja in Mailand, ich bin müde, was täten wir ohne das Schöne
Schönheit ermüdet, will dich ganz und gar, Schatztruhe Florenz
eine ermüdende Stadt im goldenen Toskanalicht, ach, meine müden verschleierten
Greisenaugen, sag, wo bin ich?
Wo bin ich eigentlich?

Auch seiner Muttersprache bleibt er weiterhin verbunden, überträgt Goethe, Celan und Kafka ins Iwrit und Josef Agnon, Dan Pagis oder Anton Pincas ins Deutsche. Seine eigenen Gedichte – für die er sich in den 1950er-Jahre das Iwrit als neues Sprach­­medium aneignet – werden von dem Dichter Christoph Meckel und der Übersetzerin Efrat Gal-Ed ins Deutsche übersetzt. Ab 1990 erscheint sein lyrisches Werk in Deutsch­land, seit 1995 als Werkausgabe im Aachener Rimbaud Verlag. Ebenfalls ab den 1990er-Jahren kehrt Rübner selbst zum Schreiben deutscher Gedichte zurück.

»Daraus, dass Rübner extreme Gegensätze, wie das Verhältnis von Glück und Unglück, von Rettung und Vernichtung, erfasst und diese in ebenso anspruchsvoller wie ansprechender Manier gestaltet, resultiert die außergewöhnliche Qualität seiner Lyrik.«

Jürgen Nelles

Lang­jährige Freund­schaft: Das Lyrik-­Kabi­nett in München

Dank der deutschen Gedicht­bände und durch die ent­sprech­enden Lese­reisen entstehen für Rübner ab den 1990er-Jahren auch neue und enge Freund­schaften in Deutschland. 1991 wird er erstmals zu einer Lesung nach Mün­chen eingeladen, in eine erst seit Kurzem bestehende Buchhandlung, aus der später eine Stiftung hervor­gehen wird: Das Lyrik Kabinett.

»Ursula Haeusgen, Initiatorin und Mentorin des Lyrik Kabinetts, von echter Liebe zur Poesie beseelt, und deren Haus ein Zuhause ist, und Karl Neuwirth in München, der mehr weiss, als er ahnen lässt […]. Bei diesen allen fühlen wir uns, meine Frau und ich, wie daheim.«

(in: »Ein langes kurzes Leben«, S. 174)

Fünf Jahre später erhält er ein zwei­mona­tiges Aufenthalts­stipendium im Künstler­haus Villa Waldberta im Süden Münchens. In jener Zeit wird auch Haeusgens Domizil Gegen­stand eines seiner Gedichte.

Tuvia Rübner liest »Ansichtskarte: München Kaiserstraße 8«

Ansichtskarte: München Kaiserstraße 8

Zwischen den Bildern
Prem, Dürer, Chillida, Mondrian
unter den fünf chinesischen Figuren
mit den Büchern in den weißen Regalen
zwei Wände entlang bis hinauf
im scharfen Licht der Stehlampe
in der Zeit aus der Zeit
die Frau blickt
verirrt in Gedanken
aus blau verblaßten
Sonnenaugen
der Tod gestern, plötzlich
»Jeder Tod ist plötzlich«
wie ein Schlag auf den Schädel
in der Zeit aus der Zeit
der Koffer ist gepackt
morgen fahre ich weiter
kehre zurück
durch das schwere Tor
mit unsicherem Schritt
zu den Buchstaben, zum Papier
weißer im Licht des Regens

»Ich freue mich und fühle mich geehrt, dass ich wieder hier sein darf. Mein besonderer Dank gilt Ursula Haeusgen. [...] Was langjährige Freundschaft in dieser gehetzten Welt bedeutet, weiß jeder, der sie erlebt hat.«

Diesen scheinbar schwerelos hin­ge­sagten Worten Rübners, mit denen er 2008 eine Lesung im Lyrik Kabinett eröffnet, ist die bei ihm häufige Vielschichtigkeit eigen: Denn die »gehetzte Zeit«, die er in seinen Gedichten oft erwähnt und bedenkt, ruft auch die existentielle Situation des Gejagt- und Vertrieben­werdens auf.

Tuvia Rübner liest »Klees vergesslicher Engel« (hebräisch / deutsch)

In seinen letzten Lebensjahren vertraut Rübner der Stiftung Lyrik Kabinett ein sehr persönliches und zugleich zeit- und literatur­ge­schicht­lich wertvolles Doku­ment an: seinen Briefwechsel mit dem ebenfalls emigrierten Schrift­steller und Literatur­wissenschaftler Werner Kraft (1943–1987). Die Korres­pon­denz ist ein eindrucksvolles Beispiel für jene »kulturelle Exterritorialität« eines Teils der deutschen Literatur (Andreas Kilcher), die durch Flucht und Vertreibung deutsch­sprachiger jüdischer Autoren im 20. Jahr­hun­dert herbeigeführt wurde. Rübner wünscht sich, dass gerade das Lyrik Kabinett den Briefwechsel publi­zi­ren sollte – und es ist ihm eine wichtige Freude seiner letzten Jahre, dass sich die Stiftung dieser Aufgabe, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, annimmt.

Tuvia Rübner mit Werner Kraft
Tuvia Rübner mit Werner Kraft / © privat, Galila Rübner
Tuvia Rübner liest »Einen Augenblick lang«

Die beste aller menschlichen Welten

Tuvia Rübner
Tuvia Rübner / © Georg Geutebrück - www.georggeutebrueck.at.

»Genügte mir die Sprache nicht? Weshalb muß ich mir auch heute immer wieder sagen, Gedichte seien vom Anstän­dig­sten, was es noch gibt, und Sprache sei die beste aller mensch­lichen Welten, wenn auch noch nicht die gute?«

Tuvia Rübner

Tuvia Rübner starb am 29. Juli 2019 im Alter von 95 Jahren in seinem Kibbuz in Merchavia. Zu seinem Tod schrieb Staats­präsident Reuven Rivlin:

»Mit Trauer habe ich vom Tod des Dichters Tuvia Rübner gehört. Er ist ein einzigartiger Teil einer Generation von Dichtern, die nicht ins Hebräische geboren wurden, sondern diese Sprache nach ihrer Einwanderung nach Israel wählten. Dichter, 'deren Wurzeln', wie Lea Goldberg sagt, 'in zwei verschiedenen Landschaften liegen‘. [...] Möge seine Erinnerung ein Segen sein.«
(Rueven Rivlin auf der Website der Botschaft des Staates Israel)

Epilog: Tuvia Rübner im Film

Der Regisseur Henning Back­haus und sein Kameramann Georg Geute­brueck haben Rübner im Kibbuz Merchavia besucht und auf einer Reise nach Deutschland beglei­tet: eine ein­drucks­volle Doku­men­tation über einen großen deutschen Dichter in seinen späten Jahren.    

Henning Backhaus, »Langes kurzes Leben: Der Dichter Tuvia Rübner«

»Tuvia Rübners Leben ist ein fortwäh­render Umgang mit schweren Verlusten. Sein neugieriger, unprätentiöser Blick ist der eines Menschen, der mit dem Leben nie fertig sein wird, im Guten wie im Schlechten.«

Henning Backhaus

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« von
Stiftung Lyrik Kabinett, München
www.lyrik-kabinett.de

Autorin: Dr. Pia-Elisabeth Leuschner, Presse / Programmassistenz, Stiftung Lyrik Kabinett, München

Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Jessica Popp, AsKI e.V.

Techn. Bearbeitung von Bild-, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Quellenangaben

Die Stiftung Lyrik Kabinett, München
Die Stiftung Lyrik Kabinett unterhält die zweitgrößte auf Lyrik spezia­lisierte Bibliothek Europas mit aktuell ca. 65.000 Medien und richtet regelmäßig Veranstaltungen zur internationalen Lyrik aus (bislang ca. 1.300). In verschiedenen Reihen publiziert die Stiftung ausgewählte poetische oder poetologische Werke und eröffnet mit dem seit über einem Jahrzehnt erfolgreichen pädagogischen Modellprojekt »Lust auf Lyrik« Schulklassen einen krea­tiven Zugang zur Poesie. Darüber hinaus unter­stützt das Lyrik Kabinett die Begegnungen von Dichtern und Initiativen der freien Szene und engagiert sich in Kooperationen zur Literaturförderung.

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