Behrendt Pick
1861–1940

... und die tempel­tragenden Gottheiten

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Treu den Menschen, treu dem Judentum, treu seiner Wissenschaft

Leo Baeck über Behrendt Pick

Behrendt Pick gehört zu den prägendsten Persönlichkeiten der Numismatik, auch Münzkunde genannt. Ende des 19. Jahrhunderts wird er erster Direktor des altehrwürdigen Münzkabinetts von Schloss Friedenstein in Gotha, das sich damals auf Augenhöhe mit Paris und Wien bewegt und heute nach Dresden, Berlin und München die bedeutendste numismatische Sammlung des Landes beheimatet. Der berühmte Altertumswissenschaftler und Literatur-Nobelpreisträger THEODOR MOMMSEN erkennt sein Talent, wird sein Doktorvater und fördert ihn als Autor für das Mammut-Editionsprojekt »Corpus nummorum« zum Griechischen Münzwerk.

Das Gothaer »Müntz Cabinett«

Mit einem in jeder Hinsicht fürstlichen Ankauf einer ebenso umfassenden wie erlesenen Münzsammlung nimmt das Gothaer »Müntz Cabinett« im Jahr 1712 einen internationalen Spitzenrang ein. Im Jahr darauf folgt die Loslösung aus dem Kontext der 1653 begründeten sächsisch-gothaischen Kunstkammer mit der Einrichtung als eigenständige, unveräußerliche Sondersammlung im Ostflügel von Schloss Friedenstein. Das entstehende barocke Raumkunstwerk wird ein Jahrhundert später (ab den 1830er-Jahren) öffentlich zugänglich und ist dies heute noch über Führungen der Forschungsbibliothek Gotha. Der sich einst darin befundene Münzschatz wiederum wird von der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha museal bewahrt und wissenschaftlich erschlossen.

Zum 300. Jahrestag jener Sammlungszäsur wird 2012 im Schlossflügel gegenüber des Historischen Münzkabinetts ein szenografischer Raum mit Numismatik präsentiert, der als Teil des Schlossrundgangs der Öffentlichkeit über mehrere Jahre ein Fenster zur Sammlung bietet.

Mit seiner Berufung 1893 wird Behrendt Pick erster offizieller Direktor des Gothaer Münzkabinetts und begleitet dessen Herauslösung aus dem Zuständigkeitsbereich der herzoglichen Bibliothek sechs Jahre später.Bis heute steht er für die größte Sammlungserweiterung nach dem erwähnten Großankauf Anfang des 18. Jahrhunderts.

Uta Wallenstein, Leiterin des Münzkabinetts auf Schloss Friedenstein Gotha, im Gespräch mit Christoph Mauny über Behrendt Pick

Auf dem Weg zum Numismatiker

Geboren wird Behrendt Pick am 21. Dezember 1861 im damals zum preußischen Königreich gehörenden Posen. Hier geht er auf das deutschsprachige, evangelische Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, das zu seiner Zeit einen beträchtlichen Anteil an jüdischen Schülerinnen und Schülern hat. Den jungen Pick verschlägt es anschließend nach Berlin, wo er zwischen 1880 und 1884 Geschichte, Altertumswissenschaften und Archäologie an der Vorgängerinstitution der heutigen Humboldt-Universität studiert.

Promotion bei Mommsen

Ein Dozent sollte ihn nicht nur wissenschaftlich besonders prägen, sondern auch seinen künftigen Lebensweg ebnen: 1884 promoviert er mit seiner Thesis »De senatus consultis Romanorum« bei keinem Geringeren als THEODOR MOMMSEN. Zudem arbeitet Pick an der Königlichen Bibliothek (heute Staatsbibliothek zu Berlin). Mommsen ist es, der Pick die Numismatik als Spezialisierung nahelegt. Und er empfiehlt ihn auch für die Mitarbeit im großen, von FRIEDRICH IMHOOF-BLUMER geleiteten Editionsprojekt »Die antiken Münzen Nord-Griechenlands« der Berliner Akademie der Wissenschaften. Mommsen ist es allerdings auch, mit dem es irgendwann zum Bruch kommt. Pick klagt über mangelnde Wertschätzung in Salär und Position.

Theodor Mommsen
Theodor Mommsen / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Filmstill: David Koch

Der Schweizer Imhof-Blumer, eine Instanz in der antiken Numismatik, wird zu einem Förderer Picks. In Winterthur führt er ihn in seine Arbeitsweise ein und finanziert ihm mittels einer eigenen Stiftung ein Stipendium. In ihrem  ausgesprochen interdisziplinären wie universellen Denken sind beide verwandt.

Habilitation und Familiengründung

Wir schreiben das Jahr 1889. Als Privatdozent heuert er an der Universität Zürich an. Der 28 Jahre junge Pick gibt Vorlesungen in Hilfswissenschaft und Quellenkunde, noch im selben Jahr gelingt ihm die Habilitation. Ab 1891, das Jahr, in dem er GERTRUD STERNBERG heiratet, wird er außerordentlicher Professor für römische Altertümer, Geschichte und Numismatik. Er bleibt noch weitere zwei Jahre.

Wechsel nach Gotha

1893, im Jahr des Herzogswechsels von ERNST II. VON SACHSEN-COBURG UND GOTHA zu QUEEN VICTORIAS zweitgeborenem Sohn ALFRED, erfolgt die Berufung Picks an die Herzogliche Bibliothek von Schloss Friedenstein. Als erster hauptamtlicher Leiter obliegt ihm hier die Betreuung des Münzkabinetts, dessen Ruf ihm vorauseilt: »[A]uf dem reichen Besitz an griechischen und römischen Münzen« beruhe laut Pick dessen »Ansehen und die internationale Bedeutung«. 1917 wird er ins Amt eines Geheimen Hofrats befördert, 1928 wird er zum Staatsarchivar und sogar zum Direktor der Bibliothek ernannt.

Schloss Friedenstein aus der Luft von Nordost. Im Ostflügel (d.h. links im Bild) befindet sich das Historische, im Westflügel (rechts) das Neue Münzkabinett
Schloss Friedenstein aus der Luft von Nordost. Im Ostflügel (d.h. links im Bild) befindet sich das Historische, im Westflügel (rechts) das Neue Münzkabinett / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: Thomas Walkling

Das Hauptwerk

»Die antiken Münzen von Dacien und Moesien« ist nicht nur Picks wissenschaftliches Hauptwerk. Es ist ein Grundlagenwerk der Numismatik, für das er Forschungsreisen durch halb Europa unternimmt. Unter anderem kommt er nach Athen, Konstantinopel, Mailand, Rom und Venedig – ein Netzwerk entsteht, das ihn, seine Arbeit und nicht zuletzt die Gothaer Sammlung international bekannter macht. Bei Erscheinen ist er bereits in der Residenzstadt im Amt seines Lebens, seine Vorrede unterzeichnet er deshalb mit »Gotha, 31. October 1898. Behrendt Pick« – und verleiht dem altehrwürdigen Ort abermals Präsenz und Aktualität.

In stolzen 41 Jahren befördert der bedeutende jüdische Gelehrte von Gotha aus die internationale Forschung und zugleich die regionale Bildung. Etwa 30.000 Neuerwerbungen, die Hälfte davon antiken Ursprungs, weisen ihn als einen der ganz großen Sammler des Friedensteins aus. Es nimmt nicht wunder, dass ihn »Freunde und Verehrer« 1921 zu seinem 60. Geburtstag mit einer limitierten Sonderprägung förmlich in die Ruhmeshallen der Wissenschaft aufnehmen.

Rundschreiben vom September 1921 zur Stiftung einer Geburtstagsmedaille auf Behrendt Pick (Detail)
Rundschreiben vom September 1921 zur Stiftung einer Geburtstagsmedaille auf Behrendt Pick (Detail) / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: David Koch

Eine Porträtmedaille

Schon zum 45. Geburtstag hatte Pick eine ähnliche Wertschätzung erfahren: THEODORE SPICER SIMSON, ein in den USA bekannter Bildhauer (immerhin porträtiert er HENRY FORD und FRANKLIN D. ROOSEVELT, von WOODROW WILSON formt er die rechte Hand ab), schuf  1906 eine Porträtmedaille auf Behrendt Pick. Doch die Ehrerbietung, die ihm nun zum 60. widerfährt, ist noch einmal von anderem Ausmaß: Während sich auf der Vorderseite Picks Porträt in meisterhafter realistischer Ausführung von der Hand des ebenfalls namhaften Künstlers BRUNO EYERMANN findet, birgt die Rückseite im Gesamtzusammenhang hohe Symbolkraft: Hier hält Athena in antiker Manier Schloss Friedenstein als Tempel von Weisheit und Bildung schützend in die Höhe – und würdigt umgekehrt den Wissenschaftler Pick als dessen »Tempelherrn«.

»­Pick­ widmete sich in seinem Lebenswerk ganz der Wissen­schaft, was sich in seinem bedeutsamen publizistischen Gesamtwerk äußert, und forcierte gleichermaßen mit ganzer Kraft den umfang­reichen Ausbau seines Gothaer Münzkabinetts, dem er aus tiefstem Herzen verbunden war.«

UTA WALLENSTEIN (NUMISMATIKERIN UND LEITERIN DES GOTHAER MÜNZKABINETTS)

Die Sammlung

Die Ankaufspolitik für seinen »Tempel« ist, durchaus auch aus der Friedensteinischen Sammlungstradition heraus, vom Anspruch geleitet, mindestens alle Thüringer Funde für die Gothaer Sammlung zu sichern – was nach eigener Aussage fast ausnahmslos gelingt. Hinzu kommt eine bis dahin etwa 200 Jahre verschollen geglaubte Sammlung des Stempelschneiders CHRISTIAN WERMUTH von hohem historischen und wissenschaftlichen Wert.

Eintragungen von Behrendt Pick in einem Accessionskatalog dokumentieren Sammlungsankäufe
Eintragungen von Behrendt Pick in einem Accessionskatalog dokumentieren Sammlungsankäufe / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: David Koch

Vom ersten bis zum letzten Arbeitstag in Gotha führt Pick sogenannte Accessionskataloge. Auf gut 320 Seiten geben sie en détail Aufschluss darüber, was an einzelnen Münzen, Medaillen und Funden von wem und zu welchem Preis erworben wird, wie UTA WALLENSTEIN erläutert: »Hier finden sich Tauschobjekte neben Geschenken, ebenso werden akribisch Käufe ‚mit Rabatten‘ vermerkt oder wenn sie aus der ‚kleinen Kasse‘ – gemeint ist die Handkasse im Münzkabinett – bestritten werden konnten.« Durch Picks wertvolle Buchführung sei »Provenienzgeschichte der Objekte unmittelbar erlebbar«.

Auswahl an Archivalien zu Behrendt Pick
Auswahl an Archivalien zu Behrendt Pick / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: David Koch

1991 kommt unerwartet aus dem Kunsthandel eine Schenkung von Archivalien in die Sammlung, ein ungefähr 50 Blatt umfassender Briefwechsel zwischen Behrendt Pick und JULIUS WERTHEIM. Bei Picks Briefkorrespondenten könnte es sich um den 1878 geborenen Julius Wertheim aus Berlin handeln. 1942 wird dieser nach Theresienstadt deportiert, von dort 1944 weiter nach Auschwitz, wo er am 16. Mai ermordet wird. »In ihrer Gesamtheit« sei die Korrespondenz zwar »noch nicht wissenschaftlich ausgewertet«, doch gewährt sie laut Wallenstein »Einblicke in Picks numismatische Aktivitäten außerhalb Gothas«, zudem liefere sie weitere biografische Erkenntnisse wie zur erwähnten Athena-Medaille zum Sechzigsten.

Hervorzuheben ist die Strahlkraft der Friedensteinischen Münzkollektion unter Behrendt Pick jedoch auch über das Fachgebiet hinaus. Die Fülle der Sammlung geht einher mit einer hohen Dichte an historischen Ereignissen, Schauplätzen und Persönlichkeiten, die auf ihren zahllosen Objekten überliefert und abgebildet sind. Dieser Schauwert wiederum ist von Bedeutung in der Geschichtswissenschaft. Sowohl der Fachliteratur als auch der Volksbildung dienen »sehr oft«, wie Pick feststellt, »Originale der Gothaer Sammlung« als Illustration. Einen Bildungsauftrag reflektiert Pick auch für den musealen Raum – und hält diesen hoch: »Natürlich spielt die Schausammlung bei einem Münzkabinett, das vor allem ein Forschungsinstitut ist, nicht eine so große Rolle wie bei einem Kunstmuseum; aber es ist eine Auswahl geboten, die für das große Publikum reiche Belehrung« böte und »für die Allgemeinheit ebenso ersprießlich« sei »wie für die Wissenschaft«. Beides, Tiefenforschung und Breitenbildung, trifft auch direkt auf Picks Wirken zu: 1919 ist er als Vorsitzender des Arbeitsausschusses zentraler Mitbegründer der Volkshochschule Gotha.

Akademische Lehren

»[D]urch seine Forschungen [hat] P. die Wissenschaft in sehr erheblichem Masse bereichert, anregend auf Studenten durch seine Lehrtätigkeit an der Jenaer Universität und öfter auch durch Aufsätze populärer Art auf ein Laienpublikum zu wirken verstanden. Wer immer als Forscher oder Sammler mit ihm zu tun hatte, durfte sich seiner stets bereitwilligen Unterstützung und Belehrung erfreuen – und lernte den liebenswürdigen Menschen schätzen.«

Philipp Lederer, Schweizerische Numismatische Rundschau 1941

An der Universität Jena ist Pick für seine anschauliche Lehre bekannt. Von 1896 an ist er als außerordentlicher Professor mit Lehrauftrag in Gotha tätig, ab 1911 als ordentlicher Honorarprofessor für Altertumswirtschaft und antike Numismatik – und immer wieder sind Gothaer Münzen und Medaillen Anschauungs- und Forschungsobjekte zugleich. Zwischen 1903 und 1905 inventarisiert er das Akademische Münzkabinett der heutigen Friedrich-Schiller-Universität Jena neu, 1922 wird er gar Beauftragter für die gesamten Thüringer Münzsammlungen.

Pick publiziert viel, dabei gern auch populärwissenschaftlich, ist für seinen Humor bekannt und hält unterhaltsame Abendvorträge außerhalb des Campus. In seinem letzten Lehrjahr (wohl 1932, wenngleich seine Emeritierung offiziell 1931 erfolgt) wird er zum Ehrenmitglied der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft gekürt. 1935 erhält er mit der Ehrenmedaille der Royal Numismatic Society die größte Anerkennung, die ihn in der internationalen Gelehrtenwelt längst gewiss ist und die ihn überleben wird.

Hinter der lebensechten Porträtbüste Behrendt Picks aus der Friedensteinischen Sammlung ist der Gothaer Bildhauer Victor Embser zu vermuten, der den Gelehrten nachweislich porträtiert hat. Das klassizistisch anmutende Bildnis zeigt dabei eine stilistische Verwandtschaft zu Bruno Eyermanns Porträtmedaillon. / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: David Koch
Hinter der lebensechten Porträtbüste Behrendt Picks aus der Friedensteinischen Sammlung ist der Gothaer Bildhauer Victor Embser zu vermuten, der den Gelehrten nachweislich porträtiert hat. Das klassizistisch anmutende Bildnis zeigt dabei eine stilistische Verwandtschaft zu Bruno Eyermanns Porträtmedaillon. / © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: David Koch

Ein Jahr zuvor wird Behrendt Pick gezwungen, den Ruhestand anzutreten. Wenngleich sein fortgeschrittenes Alter und auch seine abnehmende Gesundheit Ursachen hierfür hätten sein können, folgt er nicht seinem eigenen Willen: Noch 1933 wird er aufgrund seines »mosaischen Glaubens« mit »sofortiger Wirkung« von allen Ämtern enthoben. Merkwürdigerweise verzögert der letzte Herzog VON SACHSEN-COBURG UND GOTHA, CARL EDUARD, der sich immerhin als SA-Obergruppenführer, Präsident des nazifizierten Deutschen Roten Kreuzes, SS- und DVSTB-Finanzier eng am NS-Machtapparat bewegt und als »Hitlers Herzog« bezeichnet wird, Picks Entlassung. Zum 40. Dienstjubiläum Picks empfängt ihn der Herzog samt Leibdiener-Service und Festtafel in Reinhardsbrunn, überreicht ihm mit den ehrenden Worten »Treue um Treue« ein signiertes Portraitbild. Die Fachliteratur belegt überzeugend, dass dieses Protègement keineswegs aus einer »Anti-NS-Haltung« geschieht, sondern aus ungeklärten persönlichen oder dienstlichen Gründen.

Letzte Station Berlin

»Geheimer Hofrat Pieck [sic!] 1934 73 Jahre alt, sagt 1933, dass Adolf Hitler ein ‚hergelaufener Verbrecher‘ sei, das ‚deutsche Volk tief unter dem Vieh stehend‘.«

SPRUCHKAMMER (1. MÄRZ 1949)

Später wird Herzog Carl Eduard die Beziehung zu Behrendt Pick in seinem Spruchkammerverfahren als Beispiel für seine angeblich nicht antisemitische Gesinnung instrumentalisieren. Mit dem Verlesen der couragierten Aussage, die Pick 1933 ihm gegenüber geäußert habe, versucht er, diese Position zu bekräftigen.

Wie so viele andere deutsche Juden kann sich Behrendt Pick zunächst nicht vorstellen, welche Gefahr ihm im Hitler-Deutschland droht. Angesichts seiner wissenschaftlichen Verdienste und seiner gesellschaftlichen Stellung fühlt er sich offenbar sicher.

»P’chen«, wie Gertrud ihren Mann liebevoll nannte, konnte nicht ahnen, welchen Schikanen und Repressalien jüdische Mitbürger in der Folgezeit besonders in der »Reichshauptstadt« ausgesetzt werden würden. Das Ehepaar Pick nahm Wohnsitz in der Schwäbischen Straße 9 (heute nicht mehr vorhanden) im Stadtteil Schöneberg, unweit des Bayrischen Platzes. Gedenktafeln an Straßenlaternen verweisen dort und in angrenzenden Straßen auf den beginnenden Terror an Juden seit der Mitte der 1930er Jahre. Wie bitter muss der greise Pick, dessen Lebenswerk ganz der Wissenschaft und dem Ausbau »seines« Münzmuseums gegolten hatte, alleine diese Bestimmung empfunden haben: »Promotionsverbot für Juden«.

Wolfgang Steguweit (Numismatiker und Leiter des Gothaer Münzkabinetts 1971 bis 1988)

1936 zieht das Ehepaar Pick nach Berlin, letzte Hoffnung: Großstadt. Vier Jahre später, am 3. Mai 1940, stirbt Behrendt Pick eines natürlichen Todes (in der Literatur ist zuweilen fälschlicherweise von Suizid die Rede). Beerdigt wird der große Gelehrte auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, zu besuchen an Position G2, 65. Unter den Trauergästen ist der berühmte liberale Rabbiner LEO BAECK, dessen Worte sich gar unter den persönlichen von Picks Ehefrau (»DURCH LIEBE UNVERGESSLICH«) auf dem Grabstein wiederfinden: »TREU DEN MENSCHEN/ TREU DEM JUDENTUM/ TREU SEINER WISSENSCHAFT«. Zwei Jahre später, im August, als die systematischen Deportationen im deutschen Unrechtsstaat bereits hochindustriell durchgeführt werden und keine drei Monate nach dem ersten sogenannten »Alterstransport« Berliner Jüdinnen und Juden vom Anhalter Bahnhof in Kreuzberg ins KZ Theresienstadt, nimmt sich seine Frau Gertrud das Leben.

1945 würdigt die Fachzeitschrift »Numismatic Review« Picks Lebenswerk rückblickend:

»... his essays on ancient topics are part of numismatic standard literature, and his many years' outstanding service to our science, in general, and to the Ducal cabinet – making it one of the world's leading museums...«
(Numismatic Review, No. 8, 1945)

 

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« von
Stiftung Schloss Friedenstein Gotha
www.stiftungfriedenstein.de

Autor: Dr. Christoph Mauny, Referent für Vermittlung, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Ulrike Horstenkamp, AsKI e. V.

Techn. Bearbeitung von Bild-, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Video: David Koch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Max-Reger-Instituts

Quellenangaben

Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Die Sammlungen der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha sind aus einer barocken Kunstkammer hervorgegangen, in der über die Dinge der Welt gestaunt wurde und die Schöpfungen der Kunst und Natur Bewunderung hervorriefen. Diesen Geist will die Stiftung neu aufleben lassen und damit ein Museum des 21. Jahrhunderts schaffen.

Inmitten eines ausgedehnten Parks ist das imposante Schloss mit seinen barocken und klassizistischen Gemächern, dem legendären Ekhof-Theater und einzigartigen Sammlungen von Kunst, Natur und historischen Zeugnissen nahezu unverändert erhalten. Das 1879 errichtete und 2013 neu eröffnete Herzogliche Museum bietet Kunstgenuss von internationalem Format. Seit 2015 befinden sich im Perthesforum moderne Depoträume und Restaurierungswerkstätten. Mit über einer Million Sammlungsobjekten bewahrt die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha einen wertvollen Schatz historischer Erfahrung. Aus ihm gilt es, immer wieder neu zu schöpfen, um im Dialog mit den Besucherinnen und Besuchern auf die Fragen unserer Zeit Antworten zu finden.