Hermann Levi
1839–1900

Zwischen Herkunft und Berufung

»

Ich glaube, auch hier ist Alles von einem Punkte aus, zu begreifen: ich bin Jude, und da es in und um Wahnfried zum Dogma geworden ist, daß ein Jude so und so aussieht, so und so denkt und handelt, und daß vor Allem selbstlose Hingabe an eine Sache für einen Juden unmöglich ist, so beurtheilt man Alles was ich thue und sage, von diesem Gesichtspunkte aus und findet deshalb auch in Allem, was ich thue und sage, etwas Anstößiges oder zum mindesten Fremdartiges.

Hermann Levi

Er möge sein Werk »rein erhalten und es nicht vor einem Juden dirigieren lassen«,1 forderte ein anonymer Briefeschreiber Richard Wagner vor der Uraufführung des Parsifal bei den zweiten Bayreuther Festspielen 1882 unter der musikalischen Leitung des bedeutenden Dirigenten Hermann Levi auf.

Levi war nicht nur eine der wichtigsten Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit, sondern gleichermaßen eine Symbolfigur für den gar nicht so seltenen, aber scheinbar paradoxen Typus des »jüdischen Wagnerianers«. Konfrontiert mit dem zeitgenössischen Antisemitismus und ganz konkret im persönlichen Umgang mit Wagner als einem seiner Hauptvertreter, stand er in einem dauernden Spannungsverhältnis zwischen dem Leiden an der Diskriminierung und der Liebe zur deutschen Kunst.

Herkunft

Hermann Levi, der am 7. November 1839 als Sohn des hessischen Landesrabbiners Benedikt Levi in Gießen geboren wird, entstammt gleichsam einer ganzen Rabbiner-Dynastie: Sein Großvater ist der Wormser Rabbiner Samuel Levi, sein Urgroßvater ein Sohn des Rabbiners Wolf Levi in Pfersee bei Augsburg. Die Familie lässt sich bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts über mindestens zehn Generationen auf einer väterlichen Linie von Rabbinern zurückverfolgen.  So scheint die Laufbahn Hermann Levis vorherbestimmt, jedoch fördert sein freigeistiger Vater, der die Rolle des Judentums in Deutschland sehr genau reflektiert, bemerkenswerterweise die außergewöhnliche Musikalität seines Sohnes, der in Gießen als Wunderkind gilt und schon im Alter von sechs Jahren öffentlich als Pianist auftritt.

Die Motivation des Vaters entspringt dabei zum einen der eigenen Neigung zur Musik. So befürwortet er leidenschaftlich die Verwendung der Synagogen-Orgel und die Einführung des deutschen Choralgesangs im Sabbatgottesdienst nach christlichem Vorbild. Zum anderen spielen dabei assimilatorische Überlegungen eine Rolle. Ausgehend von Moses Mendelssohn versteht sich das progressive Judentum vorrangig als gleichberechtigter Teil des deutschen Bürgertums und als jüdisch erst in zweiter Linie. Und wie kann man den antisemitischen Tendenzen besser begegnen als durch die Reduzierung des jüdischen Selbstverständnisses auf ein rein konfessionelles Bekenntnis innerhalb einer übergeordneten deutschen Identität und insbesondere gerade durch die Pflege und Ausübung deutscher Kunst und Kultur sowie vor allem der Musik als deren vorzüglichster Ausdrucksform?

Hermann Levi hat zwei sechs und drei Jahre ältere Geschwister, Wilhelm und Emma. Seine ob ihrer »lebendigen Geistigkeit und starken musikalischen Begabung« offenbar besonders attraktive Mutter Henriette (1807-1842) verstirbt tragischerweise bei der Geburt ihres vierten Kindes, als Hermann noch keine drei Jahre alt ist. Auch das Neugeborene wird nicht lange am Leben bleiben. Der Vater heiratet daraufhin 1844 in zweiter Ehe die Gießener Kaufmannstochter Gitel Worms. Auch diese stirbt nur ein Jahr später, nach der Geburt der Tochter Auguste. Benedikt geht zeitlebens keine weitere Ehe ein.

Im Alter von zwölf Jahren beginnt Hermann Levi unter Obhut seiner Großtante Rosalie Feidel, geb. Ladenburg, in Mannheim parallel zum Besuch des Lyzeums ein Musikstudium bei Hofkapellmeister Vincenz Lachner. Von 1855 bis 1858 studiert er am Leipziger Konservatorium, das von Felix Mendelssohn-Bartholdy gegründet worden war und das er mit glänzenden Leistungen insbesondere am Klavier, in Komposition und Dirigieren abschließt. Nach einem Studienaufenthalt in Paris im Winter 1858/59 übernimmt er nach Empfehlung von Lachner den Posten des Musikdirektors in Saarbrücken. In Paris entsteht auch sein op. 1, ein Klavierkonzert in a-Moll, das vom Gewandhausorchester Leipzig uraufgeführt wird und sich nicht nur hinsichtlich der Tonart am Klavierkonzert Robert Schumanns orientiert. Außerdem schreibt Levi eine Symphonie, eine Violinsonate, Klavierwerke und Lieder.

Berufung

Hermann Levi wechselt 1861 nach Mannheim, von 1862 bis 1864 ist er Chefdirigent der Deutschen Oper in Rotterdam. Hier studiert er unter anderem Lohengrin ein und nimmt über Richard Wagners Vertrauten Wendelin Weißheimer Kontakt mit ihm auf, um ihn für ein Gastdirigat zu gewinnen und auf diese Weise auch persönlich kennenzulernen. Aber daraus wird zunächst nichts. Danach beruft ihn Eduard Devrient, der auch mit Wagner bekannt ist, an das Großherzogliche Hoftheater Karlsruhe, wo er bis 1872 wirkt und es zu einem erstrangigen Musikzentrum macht. Er debütiert am 7. August 1864 wiederum mit Lohengrin und dirigiert am 5. Februar 1869 nach sage und schreibe 87 Proben Die Meistersinger von Nürnberg. Dieser Abend wird für ihn – wie für Wagner die Münchner Uraufführung am 21. Juni 1868 – ein großartiger Triumph. Auch Wagner erhält in Tribschen davon Kenntnis. Levis anfängliche, durch seinen Lehrer Lachner genährte Skepsis Wagner gegenüber schlägt nun in grenzenlose Bewunderung um. 

Julius Allgeyer, Johannes Brahms und Hermann Levi (v.l.n.r.), Quelle: Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck
Julius Allgeyer, Johannes Brahms und Hermann Levi (v.l.n.r.), Quelle: Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck

In Karlsruhe beginnt auch Levis enge freundschaftliche und künstlerische Beziehung zu Johannes Brahms und Clara Schumann, die unter Levis Leitung am 19. September 1865 in Baden-Baden das Klavierkonzert ihres verstorbenen Mannes spielt. Mit dem sechs Jahre älteren Brahms begegnet Levi eine »erste[n] überragende[n] musikalische[n] Persönlichkeit, die er uneingeschränkt bewunderte und der er sich vertrauensvoll unterordnen konnte.« So leitet Levi unter anderem die Uraufführungen von Brahms‘ Klavierquintett, dem Schicksalslied, der Alt-Rhapsodie, dem Triumphlied, das er ironischerweise zugleich mit Wagners Meistersingern einstudiert, oder den Liebeslieder-Walzern. Das Deutsche Requiem dirigieren Levi und Brahms selbst im Wechsel, bei den alljährlichen Aufführungen der Matthäus-Passion von Bach spielt Brahms gelegentlich die Orgel, während die große Pauline Viardot-Garcia die Alt-Partie übernimmt. Am 3. November 1865 spielt Brahms unter Levis Leitung sein Klavierkonzert d-Moll op. 15

»Sechs Lieder«, Nummer 2, Verratene Liebe
»Sechs Lieder«, Nummer 6, Der letzte Gruß

Allerdings rät Brahms dem Freund von weiterer Kompositionstätigkeit ab, was Levi tief trifft und die Entfremdung zwischen beiden einleitet, denn gemäß eigener Aussage vernichtet er daraufhin zwischen 1868 und 1870 die Manuskripte seiner Kompositionen. Erhalten bleiben so lediglich die im Druck erschienenen Werke, nämlich zwei Liederzyklen und die Solostimme des Klavierkonzerts. Der Musikwissenschaftler, Dirigent und Pianist Martin Wettges wird später einige der Manuskripte, teils originale Autographe, teils Abschriften, in der Zentralbibliothek Zürich wiederfinden, darunter die im November 1861 erscheinenden »Sechs Lieder« op. 2 auf Texte von Böttger, Immermann, Heine, Eichendorff und Chamisso sowie die verloren geglaubten Orchesterstimmen des Klavierkonzerts, und so das Werk am  1. Juni 2008 wiederaufführen können . 

Mission

Nach der von KÖNIG LUDWIG II. VON BAYERN in München 1869 angeordneten separaten Uraufführung des Rheingold unter FRANZ WÜLLNER am 22. September soll dieser eigentlich auch die gleichfalls gegen Wagners ausdrücklichen Willen befohlene Uraufführung der Walküre 1870 dirigieren. »Hand weg von meiner Partitur! Das rath‘ ich Ihnen, Herr; sonst soll Sie der Teufel heulen!«, lässt Wagner Wüllner jedoch schon im Vorjahr wissen. Daher fragt der Münchner Operndirektor Baron v. Perfall bei Levi an.

Am 20. Dezember 1871 kommt es in Mannheim, wo Wagner anlässlich der Gründung des ersten Wagnervereins ein Konzert dirigiert, zur ersten persönlichen Begegnung Levis mit Wagner. Am nächsten Morgen fährt Levi zusammen mit Richard und Cosima Wagner sowie dem damals noch glühenden Wagnerianer NIETZSCHE im Zug nach Karlsruhe. Zum Abschied küsst Wagner Levi in bekannter Überschwänglichkeit und bemerkt später zu Cosima, dass er Respekt vor ihm habe, weil er nicht wie andere Juden seinen Namen in »Lewin« oder »Löwe« geändert hätte.

»Gratuliere München, beklage Sie!«

Telegramm Wagners an Levi am 26. April 1872

Levis Berufung zum Generalmusikdirektor und Hofkapellmeister an das Königliche Hof- und Nationaltheater nach München 1872, wo er am 20. Oktober mit der Zauberflöte debütiert, ist die entscheidende Zäsur in seinem Leben. Im selben Jahr siedelt Richard Wagner von Tribschen bei Luzern nach Bayreuth über, wo an seinem  59. Geburtstag am 22. Mai der Grundstein des Festspielhauses gelegt wird – zwei Ereignisse, die sich für Levi als schicksalhaft erweisen sollen. Wagner jedenfalls telegraphiert am 26. April aus Bayreuth, noch immer wütend auf München und den König: »Gratuliere München, beklage Sie!«

Das Münchner Opernhaus um 1905, Quelle: Wikimedia Commons
Das Münchner Opernhaus um 1905, Quelle: Wikimedia Commons

Am 10. Mai 1874 dirigiert Levi in München erstmals Tristan und Isolde und 1878, zwei Jahre nach der Uraufführung bei den ersten Bayreuther Festspielen, Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Damit wird er, wie er dem jüdischen Geiger Joseph Joachim gegenüber bekennt, trotz dessen Einwänden gegen Wagners Persönlichkeit, rettungslos zum »Wagnerianer« und Verfechter des musikdramatischen Gesamtkunstwerks. In Wagners Anwesenheit, dem er nach eigenem Bekunden »mit Leib und Seele verfallen« ist, lebt Levi »wie in einem Rausche«. Brahms aber, dem Vertreter von ästhetischer Tradition und Instrumentalmusik, bleibt die Oper als Komponist fremd. Aber gerade das musikdramatische Gesamtkunstwerk Wagners fasziniert Levi, während er die »absolute Musik« Wagners, darin dessen Selbsteinschätzung folgend, durchaus kritisch sieht: »Wagner hält sich nicht für einen Musiker im Sinne unserer Classiker. Ich finde alle seine Instrumentalcompositionen langweilig und armselig; wenn mir ein Schüler das bei Schott erschienene Albumblatt in die Stunde brächte, so würde ich ihn zur Thüre hinaus complimentiren.« Doch mit Levis Hinwendung zu Wagner ist der Bruch mit Brahms, aber auch mit seinem Lehrer Lachner, unvermeidlich. 

»So sehe ich denn Dich, einen der berufensten Priester der Kunst, für immer an eine Sache angeschmiedet, die ich als eine Krankheit, ja als ein Nationalunglück ansehen muß. Du erscheinst mir als Opfer einer geistreichen, blendenden, aber unechten, verderblichen Sache!«
Johannes Brahms

In der damaligen musikalischen Welt kann man nur einer Sphäre der beiden großen Antipoden angehören, zumal insbesondere Wagner das Publikum spaltet wie wohl kein Künstler vor ihm. Nach einem heftigen Streit über Wagner bei einem Besuch von Brahms bei Levi in München am 30. April 1875 kommt es zum Eklat. Am folgenden Morgen verläßt Brahms unerwartet und ohne Abschied das Haus und fährt mit dem Zug Richtung Heidelberg davon. Levi ist davon tief getroffen. Zwar kommt es zu weiteren Begegnungen Levis mit Brahms, aber die Herzlichkeit von früher ist dahin. Auch die künstlerische Zusammenarbeit ist damit beendet, selbst wenn Levi in reduziertem Umfang weiterhin Werke von Brahms aufführt. 

Antisemitische Ressentiments

Wie auch Gustav Mahler in Wien schlägt Hermann Levi in München insbesondere angesichts seines Engagements für die zeitgenössische Musik mehr oder weniger unverblümter, an Schärfe zunehmender Antisemitismus entgegen. Als er die 1. Symphonie von Brahms auf den Spielplan setzt, drohen einige Orchestermitglieder mit Streik. Doch gerade die assimilierten jüdischen Künstler und Intellektuellen empfinden sich bis 1933 ganz selbstverständlich als Teil des deutschen Bürgertums und identifizieren sich mit der deutschen Kultur, die sie erfolgreich verkörpern. Ebenso registriert umgekehrt gerade ein ausgemachter Antisemit wie Richard Wagner verwundert, dass sich unter seinen Anhängern und Verfechtern signifikant viele Juden befinden.

Beides gilt auch für Hermann Levi. Ganz zweifellos ist er das, was man als »assimiliert« bezeichnet, und gerade darum schmerzt ihn als zutiefst von der deutschen Kultur durchdrungenen Künstler der ihm entgegengebrachte Antisemitismus. Für ihn wiegen die Gemeinsamkeiten eines verbindenden Bildungs- und Kulturideals schwerer als trennende Konfessionsfragen. Der »Untergang« des Judentums in einer universal integrierten deutschen Volksgesellschaft mit gemeinsamer kultureller Identität ist für ihn wie auch für Wagner ein probates Zukunftsziel. Aus heutiger Sicht schwer verständlich, verteidigt er in dem bereits zitierten Brief vom 3. Mai 1870 an Brahms darum auch Wagners Judenthum-Schrift als »von ernsthaftester künstlerischer Gesinnung dictiert«. Es offenbart sich hier ein »jüdischer Antisemitismus«, der nach den entsetzlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts paradox anmutet, mit dem aber die assimilierten Juden ihr vermeintliches jüdisches Stigma gleichsam wie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben trachten. 

Den spannungsreichen Konflikt zwischen Herkunft und kultureller Zugehörigkeit, ja Zuneigung und Liebe, kann Levi nicht lösen, ohne dass er das eine für das andere verleugnen muss. So wird ihm – wie vielen anderen deutschen Juden auch – seine jüdische Identität erst ex negativo durch den ihm entgegengebrachten Antisemitismus ebenso bewusst wie seine kulturelle Identität als Deutscher. Und wenn seine jüdische Identität und Herkunft ein Makel sein sollen, wie könnte denn seine Musik, die doch höchster Ausdruck von individuellem Charakter, Innenleben und eben Identität ist, makellos sein? – Dieses Paradox ist ihm ebenso vollständig bewusst wie die möglichen Folgen einer zunehmend bedrohlichen antisemitischen Ablehnung, und so übt er sich in Vorsicht und Zurückhaltung, wo und wie immer es geht. Er  verzichtet auf den Titel »Generalmusikdirektor«, obwohl er das Amt tatsächlich seit langem versieht. In einem Brief vom 22. November 1884 erklärt er das Vater und Bruder damit, »daß ich Jude bin und als solcher in heutigen Zeitläufen die Verpflichtung habe, mich mehr zurückzuhalten, als ich in günstigeren Zeiten zu thun nöthig hätte. Ich fühle mich in meiner gegenwärtigen Stellung so wohl, dass es mir bange ist vor jeder Veränderung. Und dass diese Veränderung mir eine Fülle von Unannehmlichkeiten bereiten würde, das sagt mir ein nicht zu bannendes Vorgefühl.«

Später ist es auch und gerade sein Nachfolger Richard Strauss, der Levi trotz dessen massiver Förderung mit Intrigen und antisemitischen Anfeindungen begegnet. Darin ist er ausnahmsweise mit Richard Wagners Sohn Siegfried einig. Wie 1883 schon der eingangs zitierte anonyme Briefeschreiber beschwert sich auch Strauss 1891 – nicht uneigennützig – bei der ebenfalls glühenden Antisemitin Cosima Wagner, dass ausgerechnet der Jude Levi den »heiligen« Parsifal in Bayreuth dirigiere: »Ja, die Juden haben’s weit gebracht mit uns. Also nie mehr soll der arme ›Parsifal‹ aus jüdischer Folterkammer entlassen werden […]?«. Da nimmt es nicht wunder, dass Strauss 1933 auch zu den Unterzeichnern des unsäglichen »Protests der Richard-Wagner-Stadt München« gegen Thomas Mann gehört, der zu dessen Emigration führt. Levi dagegen zeigt sich gleichwohl und trotz aller Verletzungen immer nobel und tolerant, gerade auch Strauss gegenüber. Ein halbes Jahr vor seinem Tod schreibt er ebenso großzügig wie kundig: 

»[D]ie Strauss’schen Combinationen vermag ich weder in rhythmischer noch in klanglicher Beziehung mit meinem inneren Ohre zu fassen. Es geht mir dabei wie Zeltern mit Beeth[oven] und Weber, nur daß ich nicht kritisiere und schimpfe, sondern nur mein eigenes Unvermögen bedaure. Es ist ja möglich, daß die Musik […] noch immer in der Entwicklung begriffen ist, und es wäre Vermessenheit, ihr vorzuschreiben, wo die Grenze ihres Ausdrucksvermögens liegt; ebenso ist es möglich, dass Strauss diese Grenze wieder bedeutend nach vorwärts geschoben hat […].«

Bayreuth

Am 17. und 18. August 1872 besucht Levi Wagner erstmals in Bayreuth. Als Levi Bismarcks Jesuitengesetz kritisiert, kommt es zu einer ersten Verstimmung. Aber Levi bietet Wagner jede Unterstützung für die Festspiele an, einschließlich seiner eigenen Mitwirkung. Wie auch bei Brahms macht ihn die Aussicht glücklich, sein beträchtliches Talent und Können in den Dienst eines Großen der Musik zu stellen. Auch lehnt Levi es ab, in München Rheingold und Walküre vor der Bayreuther Gesamturaufführung des Ring zu dirigieren. Wagner redet ihn in seinen Briefen daher von nun mit »wertester Freund« an.

Haus Wahnfried 1875, Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth
Haus Wahnfried 1875, Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

Am 9. August 1875 kommt Levi für fünf Tage zu den Vorproben zu Siegfried und Götterdämmerung nach Bayreuth und ist abends im Haus Wahnfried zu Gast. Der Kontakt Levis mit Wagner und dem Haus Wahnfried sollte fortan nicht mehr abreißen und wird für ihn gleichermaßen zum Quell höchsten Glücks wie quälender antisemitischer Demütigungen.

Mit der Teilnahme an den ersten Bayreuther Festspielen 1876 und der Gesamturaufführung des Ring des Nibelungen hat Levi endgültig seine Lebensmission gefunden. Nach dem finanziellen Desaster der Festspiele dirigiert er in München am 17. März 1877 ein künstlerisch und finanziell höchst erfolgreiches Konzert mit Ausschnitten aus dem Ring zugunsten des Bayreuther Festspielfonds. Gleichsam gegenläufig zu Hans von Bülow, der von Wagner und Cosima betrogen und ausgenutzt seinen Weg von Wagner zu Brahms fand, führte Levis Weg von Brahms zum bedingungslosen Dienst für Wagner und sein Werk – allen darüber zerbrochenen Freundschaften und antisemitischen Demütigungen gerade von Richard und Cosima Wagners Seite zum Trotz.

»Hauptsache« Parsival

Nachdem Levi 1877 das Parsifal-Libretto liest und die vermeintlich christliche Tendenz bedenklich findet, schreibt er am 1. Januar 1878 an Paul Heyse, dass ihm wohl nichts übrig bleibe als sich taufen zu lassen, sollte er das Werk jemals dirigieren. Was hier noch ironisch klingt, sollte später in den wiederholten und tiefernst gemeinten Nötigungen Richard und Cosima Wagners zur bitteren Wirklichkeit werden. Dieser Erwartung entspricht Levi bei aller Verehrung Wagners zwar nie, der äußere und vor allem innere Konflikt belastet ihn jedoch sehr, wie sich Levis Schüler Felix Weingartner erinnert. Der sonst so souveräne und selbstsichere Levi wird in der Gegenwart Wagners zum nachgerade katzbuckelnden Lakaien: »Es war ein fortwährendes körperliches Sich-Verbeugen, das mich peinlich berührte«. Von Weingartner erstaunt hierzu befragt, stammelt Levi heiser: »Du hast es freilich leichter in diesem Hause, Du – Arier!«

Tatsächlich hat Wagner viele jüdische Freunde, Unterstützer und Helfer, demütigt diese jedoch auch immer wieder mit derben antisemitischen Äußerungen. Noch deutlicher wird er im persönlichen Gespräch mit Cosima, und neben der Judenthum-Schrift sind es vor allem die sogenannten späten »Regenerationsschriften« im Umkreis des Parsifal, die den Rassenantisemitismus zum integralen Bestandteil seiner Kulturtheorie machen. So äußert er Cosima gegenüber beispielsweise, er würde – aller musikalischen Wertschätzung gerade Levis als Kapellmeister zum Trotz  – »nicht als Orchester-Mitglied von einem Juden dirigiert werden« wollen und äußert »im heftigen Scherz« den Wunsch, »es sollten alle Juden bei einer Aufführung des ›Nathan‹ verbrennen«. Denn trotz des gelegentlich unvermeidbaren, aber für Wagner zugleich nützlichen Umgangs mit menschlich ihm nicht unsympathischen Juden bleibt das Judentum insgesamt für ihn der »plastische Dämon des Verfalles der Menschheit«.

Herman Levi, Paul v. Joukowsky, Fritz Brandt, Bayreuth 1882, Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth
Herman Levi, Paul v. Joukowsky, Fritz Brandt, Bayreuth 1882, Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

Für die Bayreuther Uraufführung des Parsifal 1882 kommt trotzdem niemand anders in Betracht als Hermann Levi, nach Bülows Abwendung der wohl vorzüglichste Wagner-Dirigent der Zeit und Chef der Münchner Hofkapelle, deren Mitglieder für das Festspiel-Orchester benötigt werden. Da Ludwig II. ebenfalls ein Levi-Fan und kein Antisemit ist, ordnet er an, dass das Orchester nur mit seinem ersten Kapellmeister nach Bayreuth gehen solle.

Wagner indessen äußert wohl ebenfalls nur halb ironisch, Levi dürfe das Werk ungetauft nicht dirigieren. Am 29. Juni 1881 ereignet sich dann der eingangs erwähnte Zwischenfall: Wagner legt den anonymen Brief, in dem er – auch noch unter Anspielung auf ein angebliches Verhältnis Levis mit Cosima – aufgefordert wird, sein Werk »rein« zu erhalten und es »nicht von einem Juden dirigieren« zu lassen, auf den Tisch in dem von Levi bewohnten Gästezimmer im Haus Wahnfried und fordert ihn auf, das Schreiben noch vor dem Mittagessen zu lesen. Wortlos, aber aufs tiefste verstimmt und entrüstet erscheint Levi daraufhin am Mittagstisch. Auf Wagners Nachfrage erklärt er, dass er nicht begreife, warum Wagner den Brief nicht einfach zerrissen, sondern ihm zum Lesen gegeben habe. Wagners Antwort, ihm damit die Gelegenheit zu einer klärenden Stellungnahme habe geben wollen, macht es nicht besser. Am Folgetag reist Levi vorzeitig ab und bittet Wagner aus Bamberg brieflich darum, ihn von der musikalischen Leitung des Parsifal zu entbinden. Darauf telegraphiert Wagner noch am selben Tag: »Freund, Sie sind auf das ernstlichste ersucht, schnell zu uns zurückzukehren; es ist die Hauptsache schön in sichere Ordnung zu bringen.« Die »Hauptsache« ist für Wagner natürlich die Parsifal-Aufführung – nicht etwa das Verhältnis zu Levi. Dieser wäre nicht zu ersetzen gewesen und damit das ganze Vorhaben gefährdet. Trotzdem erneuert Levi die Bitte um seine Entlassung. Daraufhin schreibt Wagner am 1. Juli beinahe flehentlich:

»Um Gottes willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen! Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Muth dazu! Vielleicht – giebt's eine große Wendung für Ihr Leben – für alle Fälle aber – sind Sie mein Parsifal-Dirigent!«

Daraufhin siegt wieder einmal der Wagnerianer in Levi über Stolz und Würde und er kehrt am nächsten Tag nach Bayreuth zurück. »[N]icht einmal meine Nase ärgert mich mehr, wenn ich in den Spiegel schaue«, schreibt er später doppelsinnig an Wagner. 

Am 1. Juli 1882 beginnen die Proben zur Uraufführung des Parsifal im Bayreuther Festspielhaus, die Premiere am 26. Juli wird zum Höhepunkt in Levis musikalischer Laufbahn. Er leitet bis zum 29. August 14 der insgesamt 16 Aufführungen. Am 31. Dezember schreibt er an Wagner: 

»Nur ein Ereignis hob sich von dem verschwommenen, nebelhaften Untergrunde meiner Vergangenheit mit herrlicher Deutlichkeit ab – das Erwachen und das Wachsen und endlich das Vollgefühl meiner Liebe zu Ihnen und zu allem dem, was Sie mir und der Welt bedeuten. Ich habe weiter keinen Besitz, als dieses Gefühl der Liebe und der Anbetung, aber in ihm fühle ich mich unermeßlich reich und selig.« 

Seinem Vater gegenüber rechtfertigt er sich, Wagner sei »der beste und edelste Mensch. […] Die Nachwelt wird einst erkennen, daß er ein ebenso großer Mensch und Künstler war, wie dies jetzt schon die ihm nahestehenden wissen. Auch sein Kampf gegen das, was er ›Judentum in der Musik‹ nennt, entspringt den edelsten Motiven.«

Der Palazzo Vendramin Calergi am Canal Grande in Venedig, in dem Wagner 1882/83 die letzten Monate seines Lebens verbrachte. Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth
Der Palazzo Vendramin Calergi am Canal Grande in Venedig, in dem Wagner 1882/83 die letzten Monate seines Lebens verbrachte. Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

Nachdem Levi die Wagners bereits vom 3. bis 6. Oktober 1882 in Venedig besuchte , kommt er am 4. Februar 1883 nochmals dorthin, »uns allen sehr angenehm«, wie Cosima in ihrem Tagebuch notiert. Es werden die Vorbereitungen und Besetzungsfragen für die kommenden Festspiel-Aufführungen des Parsifal besprochen. Aber Levi leidet unter einer Depression und ist zumeist bettlägerig. Richard und Cosima Wagner vermuten wohl nicht unzutreffend, dass Levis Umgang mit ihnen hier eine Rolle spiele, denn einerseits sind die Begegnungen Levis mit ihnen ihm höchstes Glück und durch die unausgesetzten antisemitischen Sottisen zugleich höchster Schmerz. Cosima hält fest: 

»Unser armer Kmeister macht viel Sorge. Bei R. geht das bis zum Unmut, er meint, man dürfe mit den Israeliten eigentlich nicht umgehen! Entweder würden sie gemütskrank darüber, oder es drücke sich durch Hochmut wie bei J. Rub. [Joseph Rubinstein] aus. Dieses Thema wird bei Tisch besprochen, R. beinahe ganz verstimmt darüber.« 

Am Morgen des nächsten Tages, Montag, 12. Februar, verabschiedet sich Levi, um nach München zurückzureisen. Wagner begleitet ihn bis zur Gondel an der Treppe des Palazzo Vendramin und küsst ihn sehr bewegt mehrere Male. Keine 30 Stunden später ist Richard Wagner tot. Drei Tage später steigt Levi in Innsbruck in den Zug zu, der Wagners Leichnam über München nach Bayreuth bringt. Der Trauerzug mit einem vierspännigen Wagen bewegt sich vom Bahnhof bis zum Haus Wahnfried, wo die zwölf engsten Vertrauten Wagners Sarg zur Beisetzung in der Gruft im Garten tragen. Hermann Levi ist einer von ihnen.

Cosima Wagner

Als Wagner stirbt ist Levi 43 Jahre alt. Mit dem Ende des glücklichsten und zugleich schmerzlichsten Kapitels seiner Biographie hat er den Zenit seines Lebens erreicht. Er leidet jedoch stets und in mehrfacher Hinsicht unter Insuffizienzgefühlen, die zu seinen im Alter verstärkt und häufiger wiederkehrenden Depressionen beitragen. So fühlt er sich als reproduzierender Künstler den Schöpfern bleibender Werke stets untergeordnet, seinen antiwagnerianischen Freunden gegenüber ebenso in Rechtfertigungszwängen wie auch Wagner selbst gegenüber im Hinblick auf sein Judentum und die von Wagner abgelehnten Musiker wie Brahms sowie als »jüdischer Wagnerianer« Wagners ohnehin im Grunde unwürdig und der oktroyierten antisemitischen Auffassung unterworfen, wonach ein Jude nicht fähig sei, Wagners Werke im »rechten Geist« zu interpretieren. 

Hermann Levi mit Geige in der Mitte, Richard Wagners Töchter als Blumenmädchen, von links: Eva, neben ihr Biagio Graf Gravina, Isolde, Blandine, Siegfried, Bayreuth 1886, Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth
Hermann Levi mit Geige in der Mitte, Richard Wagners Töchter als Blumenmädchen, von links: Eva, neben ihr Biagio Graf Gravina, Isolde, Blandine, Siegfried, Bayreuth 1886, Quelle: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

Im März und April 1883 dirigiert er den Zyklus der Gedächtnisaufführungen mit allen Opern Wagners in München. Als der von Wagner legitimierte Dirigent der Uraufführung leitet er den Parsifal in Bayreuth bis 1894 und bleibt als der von ihr so betitelte »Major« Cosima Wagners rechte Hand bei der Leitung der Bayreuther Festspiele und Vertrauter der Wagner-Kinder. 1888 kann er aus gesundheitlichen Gründen erstmals nicht an den Bayreuther Festspielen teilnehmen. Felix Mottl dirigiert an seiner Stelle den Parsifal.

In der Presse ist nach den Aufführungen unter anderem zu lesen, dass der »jüdische Parsifal« unter Mottl nunmehr christianisiert worden sei. Felix Weingartner schreibt dagegen an den »lieben Papa«: »Die Verzerrung, die im musikalischen Teil eingetreten war, ist nicht zu beschreiben. Bereits das Vorspiel war geradezu eine Qual […] Ich halte Dich für den Träger der Tradition, für den Interpreten des ›Parsifal‹, der den ›sanctus spiritus‹ dieses Werks vom Meister übernommen hat.«

Franz von Lenbach, Porträt Hermann Levi, nach links, Studie, 1898, Quelle:
Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Andres Kilger
Franz von Lenbach, Porträt Hermann Levi, nach links, Studie, 1898, Quelle: Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Andres Kilger

Unter Cosimas Leitung vollzieht sich im Interesse ihrer dauerhaften Institutionalisierung eine zunehmende Ideologisierung der Festspiele  als Zentrum völkischen und antisemitischen Gedankenguts. Cosima ist trotz des vertraulichen persönlichen Umgangs und entspannt heiteren, ja gelegentlich beinahe zärtlichen Tonfalls der fast 700 Briefe umfassenden Korrespondenz mit Levi nicht weniger antisemitisch eingestellt als Richard Wagner selbst. Ihre Besetzungspolitik zielt demnach von Beginn an darauf ab, keine jüdischen Künstler nach Bayreuth zu engagieren. Ausgerechnet der Levi persönlich so nahestehende und von Cosima auch künstlerisch und menschlich sehr geschätzte Felix Mottl schreibt ihr in vorauseilendem Gehorsam: »Wenn es nicht sein muss, wollen wir doch die Juden aussen lassen«. Levi ist das völlig klar, und so bittet er Cosima – wie später noch mehrfach, allerdings durch Cosimas Appelle an seine Berufung, »heilige Pflicht« und seine Bindung an Wahnfried erfolglos – am 22. Januar 1894 erneut um seine Entlassung und resümiert sein Verhältnis zu Bayreuth: 

»Ich glaube, auch hier ist Alles von einem Punkte aus, zu begreifen: ich bin Jude, und da es in und um Wahnfried zum Dogma geworden ist, daß ein Jude so und so aussieht, so und so denkt und handelt, und daß vor Allem selbstlose Hingabe an eine Sache für einen Juden unmöglich ist, so beurtheilt man Alles was ich thue und sage, von diesem Gesichtspunkte aus und findet deshalb auch in Allem, was ich thue und sage, etwas Anstößiges oder zum mindesten Fremdartiges. […] Und wenn ich heute überdenke, was Alles ich in diesen 12 Jahren erfahren habe, und wenn ich heute diese dringende Bitte wiederhole, so ist mir, als werde dadurch ein an sich unhaltbares, ja unnatürliches Verhältniß endlich zu einem für beide Theile nur erwünschten Abschlusse gebracht. Und so bitte ich Sie denn nochmals, geehrte Frau: Lassen Sie mich ziehen!!«

So dirigiert Levi Parsifal bei den Festspielen 1894 ein letztes Mal und widersteht allem aus der vermeintlichen Verpflichtung auf die Tradition gespeisten Werben Cosimas um den noch vom »seligen ›Meister‹« berufenen Dirigenten der Uraufführung. Zweifel und Krankheit läßt Cosima nicht gelten, sondern schreibt Levis Ablehnung fehlender Haltung und charakterlicher Schwäche aufgrund seines Judentums zu. »Aber da lässt sich nichts machen, das muss angeboren sein.« Cosima offenbart wenige Wochen vor Levis Tod ihrem nachmaligen Schwiegersohn und »Wahnfried-Chefideologen« Houston Stewart Chamberlain gegenüber ihre antisemitische Geringschätzung Levis und seiner musikalischen Interpretation ausgerechnet am Beispiel seines Parsifal-Dirigats, indem sie – das Ahasverus-Motiv zitierend – gerade die Passagen als besonders gelungen hervorhebt, die vermeintlich dem spezifisch jüdischen Charakter und Habitus entsprechen: »Ich finde es als das Bezeichnendste für ihn, daß das Vorspiel zum III. Akt Parsifal seine größte Leistung war. Dieses Irren und Suchen (freilich bei Parsifal anderer Art) war sein Los, und der Tod ist sein Gralsgebiet, sein Endziel gewesen.« Musikalische Qualität erscheint mithin nicht so sehr als Frage des künstlerischen Vermögens, sondern von Weltanschauung, Ideologie – und »Rasse«: »Fast mein letztes Wort an ihn [Levi] war, ein Jude kann sehr wohl ein Christ werden, aber kein Germane. Ich fügte hinzu, mir steht der Christ über den Germanen. Wenn ich aber nachträglich überlege, wen ich lieber habe, Paulus oder Siegfried, so fürchte ich, nicht die Wahrheit gesagt zu haben.«

Auch läßt die »arische« Dirigentenzunft in der zunehmenden völkisch-antisemitischen Verdunkelung in der Zeit nach Levis Tod keinen Zweifel daran, dass gelingende musikalische Interpretation vor allem eine Frage von Gesinnung, Haltung und wiederum »Rasse« sei. In Fortsetzung des Verdikts in Wagners Judenthum-Schrift wird gerade die besondere Qualität der Interpretationen Levis antisemitisch diskreditiert. So diagnostiziert Arthur Seidl zunächst Levis »noble Energie« sowie die »größte rhythmische Präzision und subtilste Sauberkeit in der dynamischen Abstufung« und kommt dann über das schon von Wagner pejorativ gebrauchte Wort von der »Eleganz« als Inbegriff eines rein äußerlichen, effektorientierten, aber seelenlosen jüdisch-kosmopolitischen Kunsttreibens zum »Gespenst musikalischer Aalglätte«  und erklärt dann naserümpfend: »So schien er denn, obwohl ein genialer, frischzugiger Interpret selbst Wagner’scher Kunst, in persona doch noch ein ganz leiser Nachklang jener früheren, mehr norddeutschen und von Mendelssohns Einflusse noch nicht völlig freien Dirigentenschule.«

Lebensabend

In Bayreuth lernt Levi 1884 den damals sechzigjährigen Anton Bruckner, Wagnerianer und Lehrer Felix Weingartners und Felix Mottls, kennen. Bruckner hat gerade seine 7. Symphonie beendet, deren Adagio er als »Trauermusik für Richard Wagner« bezeichnet. Bruckner begegnet dem Dirigenten des »heiligen« Parsifal mit tiefstem Respekt, und Levi findet in Bruckners Werken ein gleichrangiges symphonisches Äquivalent zur Musik Wagners. Am 10. März 1885 führt Levi Bruckners Siebente sowie später auch dessen Te Deum mit einem Riesenerfolg für den Komponisten und sich selbst in München auf. Die Zusage, auch die Achte in München aufzuführen, ohne sie zu kennen, bereut Levi indessen, nachdem er die Partitur studiert und nicht versteht.
Seine Bitte um Umarbeitung stürzt den aufgrund zahlreicher Enttäuschungen und Rückschläge ohnehin nicht sonderlich selbstsicheren Bruckner in eine tiefe Krise. Schließlich nimmt er eine tiefgreifende Umarbeitung unter Berücksichtigung der Vorschläge Levis doch vor – zugleich mit dem Beginn der Neunten und einer Umarbeitung der Richard Wagner gewidmeten Dritten. An Levi schreibt er: „Freilich habe ich Ursache, mich zu schämen – wenigstens für dieses Mal – wegen der Achten. Ich Esel. Jetzt sieht sie schon anders aus.“ Allerdings wird das Werk dann am 18. Dezember 1892 in Wien unter der Leitung von Hans Richter uraufgeführt.

Auch die Münchner Erstaufführung von Humperdincks Hänsel und Gretel eine Woche nach der Uraufführung in Weimar unter Richard Strauss am 23. Dezember 1893 unter Levis Leitung wird ein außergewöhnlicher Triumph, zum größten Erfolg der Gattung Oper seit Wagner. Beide kennen sich gut aus der gemeinsamen Bayreuther Assistentenzeit.

Die befreundete Anna Ettlinger beschreibt Levi als hochgebildeten, noblen, bescheidenen, ja selbstlosen, aber auch gewitzten, schlagfertigen und impulsiven Charakter. Sein Biograph Frithjof Haas spricht von seiner »hohen Intelligenz, […] sensiblen Musikalität und […] unbestechlichen Lauterkeit«. Wie so viele von ihrer Arbeit besessene Künstler habe auch Levi nie verstanden, mit seinen Kräften zu haushalten. Für ein Privatleben blieb da kaum Zeit. Nach einer kurzen Verlobung mit Marie Reizenstein, die jedoch bereits in jungen Jahren am 15. März 1876 an Tuberkulose stirbt, schließt er eine Ehe erst mit 56 Jahren, als sein nicht zuletzt durch den immerwährenden Konflikt zwischen Berufung und antisemitischen Anfeindungen stark beeinträchtigter Gesundheitszustand ihm das Dirigieren nicht mehr erlaubt. So bittet er um seine Pensionierung und heiratet am 7. November 1896 Mary Fiedler (1854–1919), eine Tochter des Kunsthistorikers Julius Meyer und Witwe seines Freundes, des Kunsthistorikers Konrad Fiedler (1841–1895). Die Vermählung wird nur standesamtlich vollzogen, in der Heiratsurkunde ist in der Rubrik »Religions­zuge­hörig­keit« der Vermerk »konfessionslos« eingetragen. Das Paar hat sich auch mit der Möglichkeit einer christlich-kirchlichen Segnung ernsthaft beschäftigt, mit der Konversion, für Nichtchristen nur eine kleine, bedeutungslose formale Zeremonie, hätte es sich vielen Probleme und antisemitischen Anfeindungen entziehen können. Aber anders als beispielsweise für Gustav Mahler und viele andere Zeitgenossen, darunter auch sein Bruder Wilhelm, der für seine Trauung zum Katholizismus konvertiert und danach seinen Familiennamen in »Lindeck« ändert, kommt dieser Schritt für Hermann Levi aus Respekt vor seinen Vorfahren in letzter Konsequenz nicht in Betracht. Schon bei seiner Vereidigung in Karlsruhe, als er den langen Text nach dessen Verlesung unterschreiben muss, klammert er die letzten vier Worte der Schlussformel »so wahr mir Gott helfe und Sein heiliges Wort« ein. Als Jude kann er nun mal nicht auf das Neue Testament schwören. 

Schon seit etwa Mitte der 1870er-Jahre ist es auch um Levis Gesundheit immer wieder schlecht bestellt. Er leidet unter Depressionen, kränkelt  fortwährend und benötigt zur Erholung regelmäßige sommerliche Kuren. Nicht nur seine Zerrissenheit zwischen der Liebe speziell zu Wagner und dessen Kunst und seiner jüdischen Identität mitsamt den ihm häufig entgegengebrachten antisemitischen Ressentiments, sondern auch das Leiden an den bis zum Bruch führenden Konflikten mit seinen Freunden über Wagner läßt ihn aller geistreichen Heiterkeit in Gesellschaften zum Trotz immer wieder auch als »Schmerzensmann« erscheinen. So ist es sicher kein Zufall, dass das Levi-Porträt des Freundes Franz von Lenbach an das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika und auch der Bildnistondo nach Levis Totenmaske von Adolf von Hildebrand an den Erlöser erinnert. Besonders hintergründig erscheint aber, dass auch das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers auf Lenbachs Gemälde der Tochter des Herodias (Salomé) die Züge Levis trägt.

In seinen letzten Lebensjahren wendet sich Levi wieder verstärkt Mozart und der Übersetzung der Libretti zu. Vor allem aber befasst er sich mit Goethe und gibt schließlich dessen Gesammelte Erzählungen und Märchen heraus. Das Dirigieren wird für ihn dagegen wegen Arthrose in den Fingern zunehmend zu einer schmerzhaften Qual. So bittet er um seine Pensionierung, die er am 1. Januar 1896 auch erhält. Sein Nachfolger wird Hermann Zumpe, der jedoch bereits nach zwei Jahren verstirbt, sodass dann Felix Mottl Münchner Hofkapellmeister wird.

Dirigenten und hervorragende Mitspieler bei den Bayreuther Bühnenfestspielen, Quelle: Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt (1894)
Dirigenten und hervorragende Mitspieler bei den Bayreuther Bühnenfestspielen, Quelle: Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt (1894)

Mitte Februar 1900 besuchen Mary und Hermann Levi aus Anlass des 23. Geburtstages von Wagners Tochter Eva ein letztes Mal Wahnfried. Anfang April stellt sich eine schwere Nierenfunktionsstörung ein, und am 13. Mai 1900 stirbt Hermann Levi im Alter von nur 60 Jahren im Beisein seiner Frau Mary und des Freundes Adolf von Hildebrand in München. Der Nachruf von Houston Stewart Chamberlain in den »Bayreuther Blättern«, den er später in sein Buch »Rasse und Persönlichkeit« aufnimmt, erwähnt Levis überragende Leistung als Parsifal-Dirigent nur am Rande.

Post Mortem

In der Nähe des Bayreuther Festspielhauses gibt es eine Levistraße, ebenso in München und seiner Geburtsstadt Gießen, wo 2007 im Theaterpark auch eine Büste von Detlef Kraft aufgestellt und im November 2014 der Konzertsaal im Rathaus in »Hermann-Levi-Saal« umbenannt wird. 2017 schließlich wird der Platz vor dem Badischen Staatstheater Karlsruhe nach ihm benannt.

So problematisch wie symptomatisch für den Umgang mit jüdischen Künstlern und das Andenken Levis in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erscheint dagegen die qualvolle Debatte um seinen letzten Wohnsitz: Levi wird im Park seiner erst im Juni 1898 bezogenen Villa »Haus Riedberg« im Markt Partenkirchen (seit 1935 Garmisch-Partenkirchen) in einem von seinem engen Freund Adolf von Hildebrand entworfenen Mausoleum beigesetzt, nachdem er zunächst in der Elterngrabstätte seiner Witwe Mary auf dem Münchner Ostfriedhof beerdigt worden war. 

Mausoleum Herrmann Levis, Quelle: Unbekannter Fotograf - Foto um 1910, aus Alexander Heilmeyer (Hrsg.): Adolf von Hildebrand. Albert Langen, München 1922
Mausoleum Herrmann Levis, Quelle: Unbekannter Fotograf - Foto um 1910, aus Alexander Heilmeyer (Hrsg.): Adolf von Hildebrand. Albert Langen, München 1922

Ebenso wie der Anfang 1933 von der Bayerischen Staatsbibliothek glücklich erworbene Nachlass Levis übersteht das 4,80 m hohe, 4,50 m breite und 2,50 m tiefe Mausoleum mit seiner etwa 20 m breiten, durch eine Mauer oval eingefassten Grünanlage substantiell weitgehend unbeschadet die Schändungen und Vernichtungen während der Zeit des Dritten Reichs sowie die Kriegsfolgen. 1957 genehmigt die Gemeinde auf Antrag des damaligen Grundstücksbesitzers jedoch die »Beseitigung« der Anlage. Über der Gruft verbleibt einzig noch die eingefasste Grabplatte aus Rotmarmor, auch diese durch von Hildebrand künstlerisch gestaltet und seit 1991 unter Denkmalschutz. Sie bleibt der Witterung ausgesetzt (später zeitweilig provisorisch bedeckt) und wächst stark ein. Ein späterer Besitzer (2008–2014 auch Gemeinderat) nutzt den Bereich nahe der Gruft entgegen jeder Pietät großflächig als Abstellfläche für Baumaterialien, Brennholz und Sonstiges. 

Grabstätte Hermann Levis, September 2018, Quelle: Wikimedia Commons
Grabstätte Hermann Levis, September 2018, Quelle: Wikimedia Commons

Verschiedene Initiativen seit etwa 2006, um Levi eine würdige, seiner Bedeutung angemessene Ruhestätte zu verschaffen, scheitern sämtlich. Am 16. Mai 2018 wird die Gruft in Anwesenheit eines Rabbiners und der Bürgermeisterin Meierhofer geöffnet, um sich zu überzeugen, dass Levis Gebeine sich überhaupt noch in der Gruft befinden, was sich nach Auffinden eines verplombten Zinksarkophags mit Levis Namenszug und einem Leichnam bestätigt. Die zum weiteren Vorgehen konsultierte damalige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch beschließt im Juli 2018 im Einklang mit den jüdischen Religionsgesetzen, wonach jeder jüdische Mensch auf einem jüdischen Friedhof bestattet werden muss, den Leichnam Levis auf den Neuen Israelitischen Friedhof in München zu überführen.

Allerdings hat Levis Witwe ihn als „konfessionslos“ und ganz offenbar nach seinem Willen und dem Vorbild Richard Wagners und dessen letzter Ruhestätte im Park seines Bayreuther Hauses Wahnfried in der Gruft bei seinem Haus Riedberg bestatten lassen. Außerdem herrschen an der geplanten Münchner Grabstätte neben dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer angeblich beengte Platzverhältnisse, sodass der Beschluss Charlotte Knoblochs im Februar 2019 wieder verworfen und nunmehr entschieden wird, Levis Grabstätte wieder in einen „repräsentativen Zustand“ zu versetzen und öffentlich zugänglich zu machen. Die durch die Künstlerin Franka Kaßner neugestaltete Grabstätte wird am 2. Juli 2021 der Öffentlichkeit übergeben.

Diese Verwirrungen und Verirrungen im Hinblick auf das Andenken Hermann Levis legen symptomatisch den Finger in die Wunde eines ungeklärten, vielleicht unklärbaren, in jedem Fall schwierigen Umgangs mit dem jüdischen Leben in Deutschland vor allem in den letzten rund 200 Jahren, insbesondere nach der Shoa, und dem Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen: Unwissenheit, Scham, Verdrängung, Unbeholfenheit im Umgang mit dem eigenen geschichtlichen Trauma und ein noch immer mehr oder weniger latenter Antisemitismus einerseits, und die Frage der Holocaust-Überlebenden, deren Angehörigen und Nachkommen nach einem Leben mit ihrem geschichtlichen Trauma, mit Deutschen und in Deutschland andererseits.

Es ist indessen das große Verdienst der Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Barrie Kosky, dem ersten jüdischen Regisseur bei den Bayreuther Festspielen 2017, dieses widersprüchliche Spannungsverhältnis offengelegt und zum dramaturgischen Zentrum seiner Interpretation gemacht zu haben, indem er die Gestalten der Oper in metatheatraler Poetik von den realen historischen Persönlichkeiten in Wahnfried darstellen lies. So wurde Richard Wagner zu Hans Sachs, Walther von Stolzing zu David, Eva zu Cosima, Pogner zu Franz Liszt – und Sixtus Beckmesser eben zu Hermann Levi, bis in den Phänotypus berückend verkörpert und dargestellt von Johannes Martin Kränzle. Damit gerät erneut auch die – durchaus strittige – These von Theodor W. Adornos Versuch über Wagner, wonach „all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk“ – und er nennt hier namentlich Alberich, Mime und eben Beckmesser – Judenkarikaturen seien, in den Blick. Dann nämlich wäre zumindest zu diskutieren, ob Wagners Antisemitismus sich auch in seinen Werken manifestiert. Der an Hermann Levi als Sixtus Beckmesser exemplifizierte und vollzogene Antisemitismus macht die vor allen anderen als „deutsche Nationaloper“ geltenden Meistersinger in dieser Inszenierung zum Prozess und Gericht über die Verantwortung Richard Wagners für die Frage nach der deutschen Schuld an der Shoa.

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« des Richard Wagner Museums, Bayreuth
www.wagnermuseum.de

Autor: DR. SVEN FRIEDRICH
Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. JESSICA POPP, KAROLINE GAUDIAN, AsKI e.V.
Techn. Bearbeitung von Abbildungen, Audio- und Videodateien: Dr. JESSICA POPP, AsKI e.V.

Richard Wagner Museum
Richard Wagners ehemaliges Wohnhaus "Wahnfried" wurde 2015 nach Sanierung und baulicher Erweiterung neu eröffnet. Das Richard Wagner Museum präsentiert sich heute mit einem Erweiterungsbau und drei thematischen Dauerausstellungen vollständig neu. Richard Wagner bewohnte Haus Wahnfried von 1874 bis zu seinem Tod 1883. Das Erdgeschoss vermittelt die Lebenswelt und gibt einen Einblick in die Zeit um 1880 und den Alltag der Familie. Viele Freunde und bekannte Persönlichkeiten waren hier zu Gast. Dokumente aus der Handschriften- und Grafiksammlung des Nationalarchivs werden in wechselnden Ausstellungen präsentiert. Im Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung werden die handschriftlichen Briefe, Manuskripte und Partituren Richard Wagners sowie der Nachlass Cosima Wagners und ihrer Nachkommen aufbewahrt.