Fritz Haber
1868–1934

»Im Frieden
der Menschheit,
im Krieg dem Vaterland«

»

Ich war einer der mächtigsten Männer in Deutschland. Ich war mehr als ein großer Heerführer, mehr als ein Industriekapitän. Ich war der Gründer von Industrien; meine Arbeit war wesentlich für die wirtschaftliche und militärische Expansion Deutschlands. Alle Türen standen mir offen.

Fritz Haber

Der Chemiker Fritz Haber schuf zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seiner Arbeit zur Ammoniaksynthese die Grundlage für die Herstellung unbegrenzter Mengen von Kunstdünger und trug damit entschei­dend dazu bei, dass die Ernährung einer rasch wachsenden Weltbevölkerung gesichert werden konnte. Dass Ammoniak gleichzeitig Basis für die Produktion von Sprengstoff ist, gehörte zu der Zwiespältigkeit seiner wissen­schaft­lichen Leistungen. Dass seine Verdienste und seine Person nach der Machtergreifung der National­sozialisten keine Anerkennung mehr fanden, sondern er sich bald gezwungen sah, seine Arbeit und das Land zu verlassen, war für ihn am Ende seines Lebens die größte Enttäuschung.

Zur Wissenschaft berufen

Fritz Haber wird am 9. Dezember 1868 in Breslau als Sohn des wohl­habenden jüdischen Farben- und Chemi­kalienhändlers Siegfried Haber und seiner Frau Paula Haber geboren. Seine Mutter stirbt wenige Wochen nach seiner Geburt. Zu seinem Vater hat er nie ein enges Verhältnis entwickelt.

Am Gymnasium genießt er eine humanistische Schulbildung. Obwohl Natur­wissen­schaften dort eine untergeordnete Rolle spielen, entdeckt er die Chemie für sich und beginnt, zu Hause zu experimen­tieren. Nach dem Abitur 1886 nimmt er noch im selben Jahr an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin das Studium der Chemie auf.

Unterbrochen durch den Militärdienst setzt er sein Studium in Heidelberg und Zürich fort und promoviert schließlich 1891 in Berlin. Es folgen verschiedene Praktika in chemischen Fabriken, die ihn auf die Mitarbeit in der väterlichen Firma vorbereiten sollen. Doch schon nach wenigen Monaten kaufmännischer Tätigkeit im Unternehmen des Vaters verlässt Fritz Haber Breslau und beginnt seine wissenschaftliche Laufbahn im Herbst 1892 an der Universität Jena.

Fritz Haber, Promotion Berlin 1891
Fritz Haber, Promotion Berlin 1891 / © Autor unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons

Konversion und Karriere

In Jena konvertiert Haber zum evangelischen Glauben und lässt sich taufen. Seine Motive sind, soweit sich dies den vorhandenen Quellen entnehmen lässt, jedoch kaum religiöser Natur, sondern vielmehr ein bewusster Schritt jüdischer Assimilation, der seiner wissen­schaftlichen Karriere förderlich sein sollte und durchaus auch ein Ausdruck seines preußischen Patriotismus.

Ebenfalls in Jena wächst sein Interesse an der physikalischen Chemie, das ihn 1894 als Assistent an die Technische Hochschule Karlsruhe führt, wo er sich 1896 über die Verbrennung von Kohlen­wasserstoffen habilitiert und 1898 zum außer­ordent­lichen Professor für physikalische Chemie berufen wird.

Fritz Haber
Fritz Haber / © Museum Brot und Kunst, Ulm

Heirat mit Dr. Clara Immerwahr

1901 heiratet Fritz Haber Clara Immerwahr. Auch sie entstammt einer wohlhabenden jüdischen Familie in Breslau und beide kennen sich bereits seit ihrer Jugend. Clara Immerwahr besitzt eine exzellente Schulbildung und studiert Chemie. Als sie 1900 promoviert, ist sie die erste Frau in Deutschland, die einen Doktorgrad in Chemie erwirbt. Wie ihr späterer Mann ist sie auf dem Gebiet der physikalischen Chemie tätig. Nach der Heirat mit Fritz Haber und nach der Geburt ihres Sohnes 1902 sieht sich Clara Immerwahr angesichts der zeit­genössischen Rollenvorstellungen, auch ihres Mannes, dazu gezwungen ihre beruflichen Ambitionen aufzugeben. Was sie als ihre größte Lebens­ent­täuschung empfindet.

Clara Immerwahr während des Studiums, ca. 1896
Clara Immerwahr während des Studiums, ca. 1896 / © Autor unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons

»Gedenken Sie auch des anderen Teils! Was Fritz in diesen 8 Jahren gewonnen hat, das – und noch mehr – habe ich verloren, und was von mir eben übrig ist, erfüllt mich selbst mit der tiefsten Unzufriedenheit.«

Clara Haber

Krieg und Karriere

In den folgenden Jahren wird Fritz Haber ein angesehener Vertreter seines Fachs und legt die Grundlagen für seine späteren thermodynamischen Arbeiten. 1908 geingt ihm die sogenannte Ammoniaksynthese, bei der der in der Luft vorhandene Stickstoff gebunden und damit z. B. für die Herstellung von Kunstdünger verwertbar gemacht wird. Ein Jahr später entwickelt Carl Bosch das Verfahren weiter für die Umsetzung in der industriellen Produktion (Haber-Bosch-Verfahren). 1911 wird Haber als Direktor an das kurz zuvor gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für physi­kalische Chemie an die Universität Berlin berufen. Mit Kriegsbeginn 1914 stellt er seine wissenschaftliche Arbeit in den Dienst der Obersten Heeresleitung.

Habers Versuchsaufbau zur katalytischen Ammoniaksynthese aus Wasserstoff und Luftstickstoff
Habers Versuchsaufbau zur katalytischen Ammoniaksynthese aus Wasserstoff und Luftstickstoff / © BASF

Kunstdünger

Um 1840 konnte der Chemiker Justus von Liebig die wachstums­fördernde Wirkung von Stickstoff, Phosphaten und Kalium nachweisen. Stickstoff erhielt man zum Beispiel in Form von Nitraten, zunächst vor allem durch den Einsatz von Guano, d. h. Exkremente von Seevögeln. Da die natürlichen Vorräte an mine­ralischem Dünger begrenzt sind und größtenteils aus Südamerika eingeführt werden müssen, sann man nach einer Methode, Stickst­offverbindungen synthetisch zu erzeugen. Zwischen 1905 und 1908 entwickelte der Chemiker Fritz Haber die katalytische Ammoniak-Synthese und bildete damit die Grundlagen der Produktion von synthe­tischem Stickstoff-Dünger.

Patenturkunde für das „Verfahren zur synthetischen Darstellung von Ammoniak aus den Elementen“ vom 13. Oktober 1908
Patenturkunde für das „Verfahren zur synthetischen Darstellung von Ammoniak aus den Elementen“ vom 13. Oktober 1908 / © BASF SE, Corporate History, Urkundenbuch der BASF, Bd. III

Haber-Bosch-Verfahren

Das Haber-Bosch-Verfahren ist ein großindustrielles chemisches Verfahren zur Synthese von Ammoniak. Es ist nach den deutschen Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch benannt, die das Verfahren am Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten. Der zentrale Schritt des Verfahrens, die Ammoniak­­synthese aus atmosphärischem Stickstoff und Wasserstoff, wird an einem eisenhaltigen Katalysator bei hohen Drücken  und Temperaturen durchgeführt.

Fluch und Segen

Zunächst geht es um den Einsatz der Ammoniaksynthese für die Herstellung von Sprengstoff. Dann jedoch auch um die Entwicklung von Giftgaswaffen, deren ersten Einsatz bei Ypern im April 1915 Haber selbst überwacht. Seine Frau Clara, die das Engagement ihres Mannes im Krieg offenbar kritisch sieht, erschießt sich an dem Abend, an dem diese »Errungenschaft« gefeiert wird, mit der Dienstwaffe ihres Mannes.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wird Fritz Haber wegen des völkerrechts­widrigen Einsatzes von Giftgas­kampfstoffen von den Siegermächten gesucht und muss vorübergehend das Land verlassen. Fast zeitgleich wird ihm für die Ammoniaksynthese der Nobelpreis für Chemie verliehen. In den folgenden Jahren beschäftigt er sich intensiv aber letztendlich erfolglos mit der Frage, ob sich im Meer­wasser gebundenes Gold extrahieren lasse. Er hofft, damit die im Versailler Vertrag geforderten Wieder­gutmachungszahlungen Deutschlands in Goldwährung begleichen zu können. Darüber hinaus leistet er an seinem Institut wesentliche Vorarbeiten zur Herstellung des Schädlings­bekämp­fungsgases Zyklon B. Dass damit später in den Gaskammern der Konzentrationslager Juden ermordet werden sollten, kann er nicht ahnen.

Nobelpreisurkunde für Fritz Haber 1920
Nobelpreisurkunde für Fritz Haber 1920 / © Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Vc. Abt., Rep. 13, Nr. 75

Nach der Macht­übernahme

Als die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme 1933 zahlreiche jüdische Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut entlassen, legt Haber die Leitung des Instituts aus Protest nieder. Obwohl er sich selbst nie als gläubigen Juden verstand und aus einer patrio­tischen Überzeugung heraus konvertiert war, sieht er sich zu diesem Schritt gezwungen. Die wichtigsten Ergeb­nisse seiner wissenschaftlichen Arbeit hatte er in den Dienst seines Vater­landes gestellt. Doch eben dieses Vaterland achtet seine Leistung nun nicht mehr, sondern verachtet seine Person allein aufgrund seiner jüdischen Herkunft.

Am 30. April 1933 begründet er in einem an den Kultusminister Rust gerichteten Schreiben sein Entlassungsgesuch:

» ... aus dem Gegensatz der Tradition hinsichtlich der Forschung, in der ich bisher gelebt habe, zu den veränderten Anschauungen, welche Sie, Herr Minister, und Ihr Ministerium als Träger der grossen derzeitigen nationalen Bewegung vertreten. Meine Tradition verlangt von mir in einem wissenschaftlichen Amte, dass ich bei der Auswahl von Mitarbeitern nur die fachlichen und charakterlichen Eigenschaften der Bewerber berücksichtige, ohne nach ihrer rassenmässigen Beschaffenheit zu fragen. Sie werden von einem Manne, der im 65. Lebensjahr steht, keine Änderung der Denkweise erwarten, die ihn in den vergangenen39 Jahren seines Hochschullebens geleitet hat, und Sie werden verstehen, dass ihm der Stolz, mit dem er seinem deutschen Heimatlande sein Leben lang gedient hat, jetzt diese Bitte um Versetzung in den Ruhestand vorschreibt.«

Im Spätherbst des Jahres emigriert er auf Einladung der University of Cambridge nach England. Seit langem krank, stirbt er am 29. Januar 1934 während einer Erholungsreise in Basel.

Brot aus Luft

Im Zuge der Industrialisierung stellte sich bereits im 19. Jahrhundert die heute noch aktuelle Frage wie eine rasch wachsende Weltbevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden könne. Natur­forscher hatten bereits den Stoffwechsel von Pflanzen unter­sucht und heraus­gefunden, welche Stoffe sich günstig auf das Pflanzenwachstum auswirken. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist der Stickstoff. Mit Hilfe eines Stickstoffdüngers können Ernteerträge vervielfacht werden. Doch damit die Pflanze den Stickstoff auf­nehmen kann, muss er gebunden sein.

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde an verschiedenen Verfahren zur industriellen Stickstoff­gewinnung gearbeitet. Denn Stickstoff, der sowohl für die landwirt­schaftliche Düngung als auch für die Kriegsführung unentbehrlich war, wurde hauptsächlich aus Chilesal­peter gewonnen, der importiert werden musste. Die neu entwi­ckelten Verfahren waren aber allesamt zu energieintensiv, um den Bedarf an Stickstoff dauerhaft zu gewährleisten.

Viel effizienter war hingegen Habers Verfahren, bei dem aus in der Luft vorhandenem Stickstoff und Wasserstoff an einem eisenhaltigen Katalysator, unter hohen Drücken und Temperaturen Ammoniak gewonnen wird. Durch Carl Bosch zu einem großtechnischen Hochdruck­verfahren weiterentwickelt (Haber-Bosch-Verfahren) konnte nun aus bloßer Luft und Kohle eine schier unbegrenzte Menge von Kunst­dünger hergestellt werden. Kunstdünger, mit dem die Ernährung der ständig wachsenden Weltbevölkerung gesichert wurde und wird.

»Wie Wissenschaft das Leben bewahren und verbessern, aber ebenso zerstören kann – dafür steht der Name Fritz Habers und seine Entdeckung der Ammoniaksynthese.«

Fritz Haber war es mit der Ammoniaksynthese gelungen, den in der Atmosphäre vorhandenen Stickstoff zu binden und für die Gewinnung von Stickstoffdüngung nutzbar zu machen – ein ungeheurer Kunstgriff, denn nun konnte buchstäblich aus Luft Brot gemacht werden.

Das Haber-Bosch-Verfahren spielt trotz seiner ökologischen Nachteile (es benötigt eine gigantische Menge an fossilen Brennstoffen und treibt damit den Klimawandel an) auch heute noch eine so wichtige Rolle bei der Ernährung der Menschheit, dass es zu den bedeu­tendsten Erfindungen auf diesem Gebiet gehört.

Im Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung dürfen das Verfahren und sein Erfinder Fritz Haber deshalb nicht fehlen. Er gehört zu einer ganzen Reihe von wichtigen Akteuren, die den Wandel von einer Agrar- zu einer Industrie­gesellschaft gestalteten, dessen Ambivalenz sich in seiner Biografie verdichtet.

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Über das Porträt

Ein »Erinnerungsstück« vom
Museum Brot und Kunst / Forum Welternährung – Vater und Sohn Eiselen Stiftung, Ulm
www.museumbrotundkunst.de

Autorin: Dr. Isabel Greschat, Direktorin des Museums für Brot und Kunst – Forum Welternährung, Ulm

Gestaltung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Ulrike Horstenkamp, AsKI e.V.

Techn. Bearbeitung von Bild-, Audio- und Videodateien: Franz Fechner, AsKI e.V.

Quellenangaben

Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung
Das Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung wird von der gemeinnützigen Vater und Sohn Eiselen-Stiftung getragen. Gegründet wurde das Museum 1955 durch die Ulmer Unternehmer Dr. h. c. Willy Eiselen (1896-1981) und seinen Sohn Dr. Dr. h. c. Hermann Eiselen (1926-2009) als erstes Museum zum Thema Brot weltweit.

Von Anfang an verstanden die Gründer das Museum auch als einen Ort, an dem über eine bessere und gerechtere Welternährung nachgedacht und diskutiert werden kann. Die Sammlung umfasst Objekte aus kultur,- sozial- und technikgeschichtlichen Zusammenhängen und aus mehreren Jahrhunderten. Ein besonderes Augenmerk galt und gilt der Kunst. Sie erlaubt es, das große Thema Brot und Nahrung aus überraschenden Perspektiven zu betrachten.

Die Ausstellung
Die Ausstellung hat zwei Teile. Auf der einen Seite steht die Kunstsammlung mit Werken namhafter Künstler aus dem 15. bis 21. Jahrhundert. Inhaltlich kreisen diese um das Verhältnis von Mensch und Natur, um religiöse und ethische Fragen von Nahrung und Verteilung, und um den Menschen als Teil einer Gesellschaft. Auf der anderen Seite erzählen 19 Themenbilder von sozial, kultur-, technikgeschichtliche Zusammenhängen rund um Landwirtschaft, Ernährung und Brot. »Brot« wird dabei zum Brennglas unseres Blicks: Brot und Hunger sind eng mit der Menschheitsgeschichte verbunden. Die Frage nach Nahrung für alle Menschen ist aber auch eine globale Herausforderung der Gegenwart und Zukunft. Bei der Betrachtung von Brot und Nahrung wird unsere Kultur und Gesellschaft ein stückweit verständlicher.